Bonn, im September

Von all den Kandidaten für die Parteiführung der Freien Demokraten ist am Ende nur ein einziger übriggeblieben: Walter Scheel. Kein Mann, der sich im harten Schlagabtausch gegen seine Konkurrenten durchkämpfte – er hatte sich bereit erklärt, unter der alten Führung weiterzudienen; auch nicht ein strahlender Sieger, dem niemand widerstehen konnte –, Mende hatte sich selber mattgesetzt, Weyer wollte im vertrauten Düsseldorf bleiben, Rubin war in der Partei zu sehr als stürmischer Reformer abgestempelt, als daß er auf eine Mehrheit hätte hoffen können, und Mischnick gab sich mit dem Fraktionsvorsitz zufrieden. Am Ende lief es auf Scheel hinaus. Und dies scheint durchaus ins gängige Bild zu passen, das sich die Öffentlichkeit von ihm macht: ein Mann, der immer auf die Füße fällt.

Ein Glückspilz also? Es ist sicherlich keine ungetrübte Freude, eine Partei wie die FDP zu führen, die trotz ihrer Kleinheit die härtesten Richtungskämpfe austrägt. Auch ist Scheel nicht verborgen geblieben, daß er sich bis zu seiner Wahl im Januar in den Augen vieler Parteifreunde noch bewähren muß. Im übrigen wird man auch in der FDP allein durch glücksbegabte rheinische Frohnatur nicht Parteiführer.

Scheel weiß, daß ihm, der weniger durch eigene Kraftanstrengung als durch die Gunst der Umstände nach vorn rückte, der Vorwurf gemacht wird, es mangele ihm an Härte, an Durchsetzungsvermögen. Er gibt zu, daß ihm das Dreinschlagen nicht liegt und daß der rücksichtslose Gebrauch der Ellbogen seine Sache nicht ist. „Was heißt schon Härte?“ verteidigte er sich. „Kommt es nicht vielmehr darauf an, daß man am Ende das erreicht, was man sich vorgenommen hat? Und das ist mir meist gelungen.“

Geduld, Zähigkeit, die Gabe zu überzeugen, scheinen ihm dabei am wichtigsten zu sein. Scheel ist davon überzeugt, daß er mit seinen Konkurrenten und Gegnern zusammenarbeiten, daß er das Vertrauen der Partei gewinnen kann. Sein Ideal ist nicht der Führer, der einsame Entschlüsse fällt, sondern die im Team erarbeitete gemeinsame Entscheidung. Er ist intelligent und selbstsicher genug, um kluge und politisch starke Mitarbeiter zu ertragen, und er ist geschickt genug, sie für sich arbeiten zu lassen. Der Parteiapparat im Bonner Talweg, der unter Mende nicht immer auf der Wellenlänge des Vorsitzenden arbeitete, wird unter Scheel vermutlich besser genützt und besser integriert werden – etwa nach dem Motto: Man muß das Vertrauen auch gut organisieren.

Mit dieser Mischung aus selbstsicherem Optimismus und skeptischer Clevernes hat Scheel seinen Weg gemacht. Er kommt aus bescheidenen Verhältnissen; sein Vater war Stellmacher. Die Eltern schickten den Jungen auf die höhere Schule, nach dem Abitur folgte die Lehre im Bankfach. Bald aber mußte der Bankeleve die Uniform anziehen. Als der Krieg zu Ende ging, war er Oberleutnant in einem Nachtjagdgeschwader, an vier Abschüssen beteiligt und mit dem Eisernen Kreuz dekoriert. Er hat auch dieses Himmelfahrtskommando überstanden.

Seine Karriere nach dem Krieg verlief steil und stetig. Rasch knüpfte er Kontakte zur Wirtschaft, und über die Wirtschaftsverbände fand er den Anschluß an die Politik. Geschäftsführer in einem Stahlwerk, Teilhaber und Geschäftsführer bei „Intermarket“ und „Interfinanz“ (Firmen, die sich mit Marktanalysen, Kauf und Verkauf von Unternehmungen befassen), Wirtschaftsberater – das sind die Stationen seiner beruflichen Karriere.