Von Manfred Hausmann

Gegen Mittag erreicht die Spannung an Bord der „Europa“ ihren Höhepunkt: Werden wir Jan Mayen zu sehen bekommen oder nicht? Die langgestreckte, etwa 370 Quadratkilometer große Insel, die zwischen Island und Spitzbergen auf dem 71. Breitengrad liegt, hat ihren Namen im Jahre 1611 von dem holländischen Schiffsführer und Walfänger Jan Mayen erhalten, obwohl er nicht der Entdecker war. Vier Jahre zuvor hatte Hudson sie bereits von ferne gesichtet. An ihrem nordöstlichen Ende wuchtet der Beerenberg, ein erloschener Vulkan mit breit zerklüftetem Krater, unmittelbar aus dem Nordmeer 2240 Meter empor. Von Beeren kann bei ihm jedoch keine Rede sein, denn er ist von oben bis unten vergletschert und verschneit. Die Holländer nannten ihn so, weil ihnen an seinem Fuß einige Eisbären begegnet waren. Da die Insel auf der Grenze zwischen den Ausläufern des verhältnismäßig warmen Golfstroms und des aus dem Polarmeer kommenden Grönlandstroms liegt, ist sie fast immer in Nebel gehüllt. Es gibt keinen Ort der Erde, der nebelreicher wäre als sie. Bis vor kurzem hatte sie drei Einwohner: norwegische Meteorologen. Neuerdings leben dort auch amerikanische Wissenschaftler.

Was werden wir sehen? Werden wir überhaupt etwas sehen? Der graue Nordatlantik ist mäßig bewegt, ein leichter Südoster weht. Es gelingt ihm aber nicht, den Nebel, der dicht und sickernd über dem Wasser schwebt, zu lichten. Das Thermometer zeigt zwei Grad über Null. Schon seit einer Stunde hat die Brücke den Inselumriß als aufleuchtenden und wieder verlöschenden Blink auf dem Radarschirm. Die wenigen Fahrgäste, die wissen, was sie erwartet, falls der Nebelvorhang sich öffnen sollte, stehen an der Reling und versuchen, mit ihren Gläsern das Grau zu durchdringen. Mag zu Mittag essen, wer will. Jan Mayen ist wichtiger. Vielleicht wird, wer ausharrt, doch noch belohnt.

Aber die Hoffnung mindert sich von Viertelstunde zu Viertelstunde. Wir wissen, daß wir inzwischen die Insel erreicht haben und an der Küste, die eine knappe Seemeile von uns entfernt ist, in langsamer Fahrt entlanggleiten. Näher darf die „Europa“ sich nicht heranwagen. Nach wie vor ist nichts zu sehen. Der eine schlägt sich verzweifelt mit der Faust in die offene Hand, der andere stampft mit dem Fuß auf die Decksplanken, der dritte stöhnt: „Da liegt nun ein Weltwunder sozusagen greifbar vor uns, da drüben, da, da, und wir sehen es nicht! Oder... was ist denn das?“ Er hebt sein Glas vor die Augen und starrt in das Grau. Andere tun es ihm nach. Wahrhaftig, da zeigt sich etwas, am unteren Rand der Nebelschicht, ein weißer Fleck. Der Vorhang scheint sich ein wenig zu lüften. Noch ein Fleck daneben, Schnee offenbar oder Gletschereis. Dazwischen schwärzliches Gestein, senkrecht abfallend. Die Küste! Aber nur verwischt und nur für ein paar Sekunden erkennbar. Dann senkt sich der Vorhang wieder. Gesicker und graue Blindheit wie zuvor. Immerhin: Wir haben die Küste von Jan Mayen erblickt.

„Da ist ja noch etwas“, sagt plötzlich eine Frauenstimme. „Sehen Sie doch nur! Hoch darüber! Der Berg! Der Gipfel!“ Alle Gläser richten sich auf die Stelle, auf die der ausgestreckte Finger zeigt. Der Nebel ist dort dünner geworden, und hinter dem Schleier schimmert ganz zart eine schneebedeckte Spitze über einer dunklen Felsenwand. „Nein“, ruft jemand, „weiter links, ganz da oben, was wie eine Wolke aussieht, noch viel höher, das ist ja erst der Gipfel! Jetzt, o jetzt!“ Und wahrhaftig, im lichter und lichter werdenden Nebel schwebt schwerelos und ungewiß in dreifacher Abstufung der Gipfel des Beerenbergs, so hoch, wie ihn niemand vermutet hat. Darunter dämmert noch der düstere Nebelwust. Aber über dem Gipfel erscheint schon ein blasses Himmelsblau. Und von rechts weht ein kaltes Licht herüber und läßt den Dunst silbrig aufglänzen. Man wagt nicht zu denken, daß es Wirklichkeit ist, und doch verhält es sich so.

In der Höhe hellt es sich immer mehr auf. Nun ragt der Gipfel deutlich aus dem Dunst heraus. Links neben ihm taucht ein zweiter auf, etwas niedriger, als der erste, und mit mehr schwarzbraunen Felsabstürzen. Es ist, wie sich bald zeigt, das andere Ende des in weitem Bogen sich herumschwingenden Kraterrandes. Irgendwann muß der Krater an dieser Seite aufgerissen sein. Der Spalt geht fast bis in die Mitte der Bergflanke. Auf dem Hauptgipfel steht ein Gebild, das wie ein dick verschneiter Baum aussieht. Es wird aber wohl ein Basaltzacken sein.

Wieder zeigt sich unten die Steilküste mit den Schneeschründen und den Gletscherströmen, die in die See stürzen, Der Nebel hebt sich und senkt sich, er verdichtet sich zu einem Streifen, aus dem sich von Zeit zu Zeit Wolkenschleier lösen und am Gipfel vorbeiziehen. Inzwischen hat sich das stumpfe Grau der See zu Kobaltblau vertieft. Die dunklen Felswände beginnen goldbraun zu glimmen. In der Höhe glänzen die Schneeflächen in einem überirdischen Weiß, weiter unten werden sie durch Riffelungen schattiert, die verraten, daß sich die Gletscher darunter bei ihrem Schrammen über den unebenen Untergrund in viele Risse aufgespalten haben. Die Seiten des Gletscherschnees. sind mit Geröll bedeckt, das von den Hängen heruntergefallen ist.