Ernst Fuchs“ (Galerie Wolfgang Ketterer, München): „So legt der Künstler diese Zeichen des nur ihm zugänglichen Orakels, sorgsam durchhaucht mit dem subtilen Atem seiner Malkunst, in Reihe und Kreis vor das Auge der Welt.“ Der Künstler ist für Fuchs der Eingeweihte, die Rezeption der Kunst wird zu einem Glaubens-Akt, denn das Orakel, von dem die „Zeichen“ sprechen, ist dem Betrachter nicht zugänglich. Da aber seine Bilder, seine Zeichnungen, seine Grafik sich der Ausstellung nicht entziehen, liefert Fuchs die Gebrauchsanweisung gleich mit: „Eine Betrachtung also, die zum Erlebnis des Bildes führt, muß diesen Weg nach dem Bildhimmel einschlagen, in dem das Urbild das Abbild entwirft und belebt.“

Ich habe mich eine gebührende Zeit in der Ausstellung seiner Zeichnungen und Grafiken aufgehalten: Der Weg zum „Bildhimmel“ war mir offenbar versperrt. Keinerlei mystisches Erleben wurde mir zuteil. Was tun? Meine Gläubigkeit entfachten diese Blätter nicht, mit kritischen Argumenten, Alltags- oder Weltargumenten, ist dieser ästhetischen Kirche nicht beizukommen. Oder doch? Ein Freund, den ich in der Ausstellung traf, sagte statt der Begrüßung drei Worte: „Wollust der Beeinflußbarkeit.“ Und gewiß läßt sich von hierher, vom Eklektizismus dieses Malers, der von den ersten ausgestellten Blättern von 1945/46 bis in die Gegenwart reicht, eine bildnerische Kritik aufrollen. Diese hat ihren Standpunkt – wie könnte es anders sein – in unserer Zeit, unserer Erfahrung, unserem Wissen. Dies alles aber hat sich Fuchs wohlweislich vom Leibe gehalten. Sieht er sich nicht in einer Ahnenreihe von Künstlern, „die ihre ... prophetische Geheimwissenschaft untereinander wie Glieder eines mystischen Stammbaums teilen“? Nochmals also, was tun? Ist man davon überzeugt, daß Kunst zwar keine Einbahnstraße bildnerischer Leistungen ist, aber ihr der Zeit adäquates Bewußtsein hat (der Zeit nämlich, in der sie gemacht wird), und daß sich dieses Bewußtsein in entsprechenden Mitteln, Formen, Techniken ausdrückt, so hat Ernst Fuchs im Umkreis dieser Kunst nichts zu bieten. Sein Platz ist dann innerhalb einer Gemeinde, die seiner Gläubigkeit und den gemalten und gezeichneten Produkten seiner Gläubigkeit korrespondiert. (Zur Verdeutlichung stelle man sich einen Schriftsteller vor, der heute, 1967, einen Roman vorlegt, der von einem nur dem Verfasser zugänglichen Orakel im Stil – bunt gemischt – des 13./18./15. Jahrhundert, mit dessen Satzformen, dessen orthographischen Eigentümlichkeiten, dessen Wortschatz, berichtet.) Die Präsentation der Gemeinde-Kunst des Ernst Fuchs in der Galerie für moderne Kunst ist beiden unangemessen.

• „Hannes Grosse“ (Kleine Galerie, Schwenningen): Zumindest zwei Dinge sind der westdeutschen und der italienischen Kunstszene gemein: beiden fehlt die eine, überragende Hauptstadt, in beiden sind kulturelle Institutionen oder, wovon hier zu sprechen ist, Galerien für aktuelle Kunst breit gestreut. Guten und keineswegs provinziellen Ausstellungen begegnet man in Foligno, Alessandria, Lissone wie in Esslingen, Neuenkirchen oder Schwenningen. Städtchen also, von denen sich nicht nur der Ausländer fragt, wo sie eigentlich liegen. – Nach den variablen Gegenständen einer anonymen „Gruppe X“ – Gegenstände in Serie, Gegenstände „einer Industriekultur“ –, nach Bildern und Plastiken von Natale Sapone und Carlo Ramons, zeigt Felix Schlenker, der Leiter der „Kleinen Galerie“, eine Anzahl großformatiger Bilder und zwei Farbraum-Objekte von Hannes Grosse. In den Bildern wie in den Objekten dominiert eine Band- oder Wellenform. Durch deren Staffelung, die Stufungen einer Farbe in ihren verschiedenen Zuständen, versetzt Grosse Bild und Objekt in einen vibrierenden „Bild-Körper“. Die Arbeiten dieses Künstlers (Jahrgang 1932), der in München und New York lebt, sind offensichtlich der amerikanischen Malerei der L. P. Smith und Ellsworth Kelly verpflichtet, entsprechen aber in der Farb-Kultur, in der Subtilität des Farbauftrags eher einer europäischen Tradition. Die Ausstellung endet am 5. 10. Jürgen Claus