Man hört die Namen Labrador, Kamtschatka, Nowosibirsk und fröstelt. Man landet in Bornholm auf demselben 55. Breitengrad und steht mitten in einer üppigen Flora köstlicher und seltener Blumen. Uralte Maulbeerbäume. Feigen reifen. Melonen in den Gärten. Walnußbäume. Die Asphaltstraße vor dem Auto flimmert vor Hitze wie in Attika oder Kalabrien; denn seit langem ist kein Tropfen Regen gefallen.

Monatelang glüht dieses Bornholm wie ein Kuß des Südens. Eine Dampferstunde nördlicher, im unbewohnten Innern von Christiansö, meint man, in Korfu zu sein oder auf einer der Kykladen. Der mediterrane Zauber mißt nicht mehr als 200 Meter im Geviert rings um Moellebakken.

Alles ist hier wärmer und wohliger gebettet als im übrigen Dänemark: Runensteine, Ruinen und Rundkirchen, Vergangenheit und Gegenwart ineinander verwoben wie das Dickicht in den Wäldern von Almindingen.

Das Geheimnis des beständigen Sommerwetters auf Bornholm enthüllt der Danebrog am Fahnenmast des Hotels. Kündet der Wetterbericht am Abend Regen über Dänemark und ein herannahendes Tief, lacht oft am nächsten Morgen ein strahlend blauer Himmel über Insel und Meer. Ostwind hat die Schlechtwetterfront zurückgetrieben.

Wikingerküsten und Alpinisten

Bornholm wird nicht als Badeinsel verkauft. Niemandem fällt es ein, an den herrlichen Badestränden von Hvideodde, Boderne und Dueodde Hotel-Neubauten hochzuziehen, obwohl der Bedarf dazu vorhanden wäre. Manchmal geht man in der konservativen Bedachtsamkeit dabei etwas zu weit. So ließe sich am Nordrand von Bornholms Haupt- und Hafenstadt Rönne, in den Wäldern von Hvideodde, durch einen Komplex moderner Hotelbauten und Restaurantterrassen, mit einer großzügigen Zufahrt zum schönsten Strand der ganzen Insel, eine herrliche Badestadt planen, die so abseits, zugleich aber auch so nahe dem Verkehrszentrum liegt, daß sie die ursprünglichen und gewachsenen Schönheiten der Insel nicht beeinträchtigt. Herrliche Sandstrände im Osten und Süden, eine Unzahl von stillen, felsigen Buchten im Westen und Norden, wahre Seeräuberschlupfwinkel an Grotten und Höhlen hat dieses reiche Eiland zu verschenken. Sandvig-Allinge ist der meistrenommierte, Neksö-Balke der flachste, Dueodde der einsamste und Hvideodde der schönste unter den Sandstränden.

Ist es Gottes Heim, weil Silber sich dort so leicht in Gold verwandeln läßt? Gudhjem, ein pittoreskes Fischerdorf an der Autostraße der Nordküste mit zierlichen, kleinen Bergstraßen, umsäumt von reizenden Fachwerkhäusern, gelb und rot getüncht, vor denen die Malven bis ans Dach blühen – eine Palette auf granitenem Fels, über die leise gekräuselt der Rauch der Goldmacher zieht.