Der Welt steht eine neue Runde des Wettrüstens bevor: US-Verteidigungsminister McNamara kündigte am Montag in San Francisco an, daß die Vereinigten Staaten gegen Ende des Jahres mit dem Aufbau eines Raketenabwehrsystems beginnen werden.

Die Amerikaner holen damit einen Schritt nach, den die Sowjets schon vor ihnen getan haben. Ein Sperrgürtel von Galosch-Raketen zum Schutz gegen einen Angriff amerikanischer Minuteman- und Polaris-Raketen soll bereits um Moskau und Leningrac installiert sein. Seit geraumer Zeit hat Washington versucht, sich mit Moskau über ein Einfrieren der Antiraketen-Raketen-Produktion zu einigen. Der Kreml zeigt bisher jedoch wenig Interesse. Gleichwohl richtet sich die amerikanische Entscheidung weniger gegen die Sowjetunion als in erster Linie gegen China. Johnson plant vorerst nur ein „dünnes“ Raketenabwehrsystem, das die amerikanischen Raketenstellungen und die fünf wichtigsten Städte abdecken soll. Kostenpunkt: 20 Milliarden Mark.

Dieses System könne gegen einen massiven Atomschlag der Sowjets nichts ausrichten, soll Peking aber vor einer Fehleinschätzung der amerikanischen Verteidigungsbereitschaft warnen. McNamara glaubt, daß die Chinesen in etwas mehr als einem Jahr über Mittelstreckenraketen, zu Beginn des nächsten Jahrzehnts über eine erste Interkontinentalrakete und Mitte der siebziger Jahre über eine bescheidene Raketenstreitmacht von interkontinentaler Reichweite verfügen werden. Je nach der strategischen Lage könnte das amerikanische Abwehrsystem jederzeit „verdickt“ werden.

Die amerikanische Raketenabwehr wird sich auf zwei Raketentypen stützen: die „Spartan“, die gegnerische Raketen in 400 bis 600 Kilometer Höhe im Weltraum abfängt, und die „Sprint“, die in 30 bis 40 Kilometer Höhe durchgedrungene feindliche Raketen noch im letzten Moment vor dem Aufschlag vernichten könnte.

Seit zwei Jahren schon hatten die Militärs unter Führung der Vereinigten Stabschefs den Präsidenten gedrängt, den Aufbau des ABM-Systems zu bewilligen. Den Ausschlag gab bei Johnson wohl die Kampfansage des Senators Pastore, der dem mächtigen Kongreßausschuß für Atomenergie vorsitzt. Pastore, der nicht zu den „Falken“ zählt und gewöhnlich auf Seiten der Regierung steht, kündigte an, sein Ausschuß werde sich mit demselben Nachdruck für Antiraketen-Raketen einsetzen, wie er einst für Wasserstoffbombe und Atom-U-Boote gekämpft habe.