Von Gottfried Sello

Fünf Tage dauerte das progressive Vergnügen.Hein Stünke und sein Verein progressiver deutscher Kunsthändler sind zufrieden. 15 000 Besucher, die Verkäufe übertrafen alle optimistischen Prognosen. Sogar die kleinen Galerien, die schweren Herzens die 1800 Mark Standmiete, dazu Transport- und Versicherungs-, Reise- und Hotelkosten in das Unternehmen investiert hatten, sind aus dem Schneider gekommen. Genaue Umsatzzahlen wurden nicht bekanntgegeben. Nur daß die Preise der verkauften Objekte zwischen 20 Mark und 60 000 Mark (für ein Gemälde von Max Ernst) lagen. Und daß der halbe Umsatz mit ausländischen Händlern getätigt wurde, die vorwiegend deutsche Kunst gekauft haben.

Das ist ein nicht nur unter kommerziellem Aspekt erfreuliches Faktum. Die zeitgenössischen deutschen Künstler werden auf dem internationalen Markt kaum notiert, nur wenige wie die Zero-Leute haben bisher durch eigene Initiative in New York Fuß gefaßt. Auch Ileana Sonnabend, die in Paris die amerikanische Pop-art durchgeboxt hat, war nach Köln gekommen, um sich umzusehen, wen sie von deutschen Künstlern außer Klapheck für ihre Galerie einkaufen könnte. Ein anderer Pariser Händler fahndete nach Schwitters und den Dadaisten. Ein dritter schließlich war von der Idee des Kunstmarkts derart angetan, daß er sich für Paris etwas Ähnliches wünschte, wobei er allerdings den grundsätzlichen Unterschied zwischen der deutschen und der französischen Situation übersehen hat. In Deutschland ist der Kunsthandel dezentralisiert, die achtzehn Galerien, die den Kunstmarkt beschicken, kommen aus zehn Städten, ein gewissenhafter Interessent müßte noch mindestens zehn weitere Städte besuchen.

Als Verkaufsmesse, als Einkaufszentrum für Sammler und Händler hat der Kunstmarkt sich bewährt. Der Erfolg ist so eindeutig, daß die Initiatoren sich entschlossen haben, das gelungene Experiment zu institutionalisieren. Alle Jahre wieder soll ein Kunstmarkt veranstaltet werden, immer in Köln, der Gedanke, ihn jedesmal in einer andern Stadt abzuhalten, wurde aufgegeben; Köln soll auf diese Weise in den Rang einer deutschen Kunstmetropole erhoben werden, den einmal, in den goldenen zwanziger Jahren, Berlin innehatte. Statt Mitte September soll er in Zukunft Anfang Oktober stattfinden, also mit der Frankfurter Buchmesse statt mit dem Frankfurter Autosalon synchronisiert werden. Mehrfach werden in offiziellen Erklärungen gerade die Buchmesse in Frankfurt, aber auch die Antiquitätenmesse in München als Leitbilder für den Kunstmarkt zitiert, obgleich das Kölner Konzept auf anderen Voraussetzungen basiert. An der Buchmesse kann sich jeder Verlag beteiligen, in München kann jeder Antiquitätenhändler einen Stand mieten, in Köln herrscht bisher der Numerus clausus.

Man kann nicht Markt sagen und Exklusivität meinen, meditierte Hein Stünke und hoffte, mit diesem Satz den Gegnern des Vereins den Wind aus den Segeln zu nehmen. Aber was nützt diese Einsicht, solange sie nicht praktiziert wird! Ich bin noch immer der Ansicht, der Kreis der beteiligten Galerien sollte bis zum nächsten Kunstmarkt erweitert werden. Es gibt eine Reihe von Galerien auch in kleineren Städten, die sich mit Idealismus und Kunstverstand für moderne Tendenzen einsetzen, die oft genug auf verlorenem Posten stehen und jedes Risiko auf sich nehmen, für die der Kunstmarkt eine Chance böte. Wenn Galerien sich durch ihr Programm als vereinswürdig ausgewiesen haben und trotzdem nicht zugelassen werden, dann setzen sich die Mitglieder dem Vorwurf aus, daß sie das Geschäft an sich reißen, daß sie den Kuchen nicht mit ihren Kollegen teilen wollen.

Es geht dabei nicht nur um Fragen kollegialer Fairneß, über die sich die Kunsthändler intern streiten oder einigen können. Erst ein erweiterter Markt kann die Funktion erfüllen, den Besucher objektiv und nicht ganz so bruchstückhaft und zufällig darüber zu informieren, was heute in der Kunst geschieht, was Aufsehen erregt, was vielleicht in die Zukunft weist. Gerade mit Hilfe der kleineren und profilierten Galerien könnte etwas geboten werden, was der Kunstmarkt 67 total vermissen ließ: neue unbekannte Talente.

Es sind die Arrivierten und Halbarrivierten, die sich im Kölner Gürzenich tummeln, Künstler, die auf der documenta waren oder für die nächste documenta in Frage kommen, die mehrere Kollektivausstellungen hinter sich haben, die häufig besprochen und getestet sind. Das gilt noch mehr für die Parallelveranstaltung im Kölnischen Kunstverein, wo jede Galerie entweder einen einzigen oder auch zwei, höchstens drei Künstler ihrer Wahl herausstellte. Auf der documenta, auf der Biennale in Venedig, auf allen repräsentativen Veranstaltungen werden die Arrivierten hergezeigt. Wenn sie aber auf einer progressiven Schau das Feld beherrschen, wird das Unternehmen fragwürdig, weil Progressivität und Arriviertheit miteinander kollidieren. Progressiv ist der Schritt nach vorn, ins ungesicherte Terrain, progressiv ist der Augenblick, wo Fontana zum erstenmal eine Leinwand durchlöchert oder Max Ernst die Frottage erfindet, wenn Paolozzi sein Material auf dem Schrotthaufen sucht oder Berrocal eine Plastik aus diversen Elementen zusammensetzt oder Lichtenstein mit dem Comic strip manipuliert und Klapheck seine erste Schreibmaschine malt und Harry Kramer den beweglichen, stimmbegabten Drahtkäfig konstruiert.