Die Geschichte eines nicht ganz sinnlosen Spleens

Von Alexander Rost

Vor Newport, der „Perle der Seebäder“ auf Rhode Island, wo einst der Golddollar seinen Sommersitz hatte und ein William Fahnestock Nippes aus vierzehnkarätigem Gold an die Bäume seines Parks hängte und neuer, gleichsam noch grüner Reichtum auch sonst seltsame Blüten trieb, wurde jetzt der zwanzigste Akt eines Spektakulums gegeben, dessen Titel „Das Duell der Millionäre“ heißt. Die Waffen in diesem Duell sind die teuersten Rennjachten der Welt. Nach einer Pause von drei Jahren wurde wieder um America’s Cup gesegelt, um eine Trophäe, die seit 116 Jahren in einer Vitrine des New Yorker Yacht Clubs steht und von den Amerikanern ohne Scheu vor dem wagnerhaften Wort „der heilige Gral des Jachtsports“ genannt wird.

Newport ist noch immer die Ferienmetropole der Multimillionäre an der amerikanischen Ostküste. Der ehemals grüne Reichtum ist mittlerweile vornehm vergilbt. In Stuckdecken-Palais von Großfürstenformat oder in raffiniert-schlichten Bungalows residieren dort die Auchinclosses, die Donahues, Drexels und Woolworths; und Margaret Van Alen Bruguiere, die grande dame von Newport, bezeichnet ihr Fünfzig-Zimmer-Haus beiläufig als „Hütte“. In Bailey’s Beach-Klub mit dem „exklusivsten Schwimmbad der Vereinigten Staaten“ wird die Mitgliedschaft vom Vater auf den Sohn vererbt. Die Sippen der ehemals Neureichen haben sich längst zum Geldadel gemausert. Und mit Newport im Hintergrund werden Rang und Ruf der Regatten um America’s Cup erst vollends verständlich. Was auf den ersten Blick wie Sport im Superlativ aussieht, erweist sich, genauer besehen, als eine Art Turnier, in dem es um nationales Prestige, vor allem aber um gesellschaftliches Ansehen geht. Hier werden auf ziemlich friedliche Art die Scharmützel ausgetragen, in denen Adel sich bestätigen kann. Oder in denen er – weil pures Geld hier in jedem Sinne keine Rolle spielt – erworben wird.

America’s Cup ist ein Statussymbol des alten Amerika geworden. Weil die Amerikaner ihn haben und ihre englischen, schottischen, kanadischen, australischen Vettern ihn zurückgewinnen wollten (und inzwischen sogar die Sowjets mit dem Gedanken gespielt haben, den aufgetakelten Kapitalismus auszusegeln) und amerikanische Jachten im Kampf um die am heftigsten und mit dem höchsten Aufwand umstrittene Trophäe des Sports überhaupt stets gewinnen konnten, eben deshalb hat Amerikas Geldadel einen gewichtigen Grund, sich mit jeglichem Adel der Welt ebenbürtig zu fühlen. Um America’s Cup zu verteidigen, haben die Amerikaner, vorsichtig geschätzt, etwa hundert Millionen Mark ausgegeben. Um ihn aus der Vitrine des New York Yacht Clubs zu entführen, haben die Briten und ihre Anverwandten noch ein bißchen mehr gezahlt, bislang vergeblich. Die Millionen wurden vom Winde verweht.

„Zum ersten Male seit Napoleons Zeiten ist England wieder von See her bedroht“, schrieb, nicht ohne hämischen Unterton, eine französische Zeitung, als der Schoner „America“, das erste Sportboot, das den Atlantik überquert hatte, in europäischen Gewässern aufkreuzte. England veranstaltete eine Weltausstellung, zu der man eine Halle ganz aus Eisen und Glas, den Kristallpalast, gebaut hatte, ein erstes Monument technischer Architektur; und aus Anlaß der Weltausstellung wurde eine Segelwettfahrt rund um die Insel Wight ausgetragen. Als am 1. August 1851 die Morgenbrise den Nebel aus dem Hafen von Cowes fegte, tauchte aus dem Dunst die „America“ auf, der einzige fremde Rivale.

Wahnwitzige Wette