Von Kurt Wendt

Das deutsche Börsenwesen soll von Grund auf verändert werden. Ziel der Reformbestrebungen ist, die deutschen Wertpapiermärkte für in- und ausländische Anleger attraktiver zu machen, sie außerdem so zu gestalten, daß sie im Wettbewerb mit den großen internationalen Börsen bestehen können. Dazu wird nach Ansicht der Reformer der Nachweis einer lebhaften Geschäftstätigkeit gebraucht. Sie soll dokumentieren, daß der deutsche Kapitalmarkt leistungsfähiger als sein Ruf ist.

Im Bundeswirtschaftsministerium wird daran gedacht, dies durch den sogenannten Börsenzwang zu erreichen. Künftig sollen Wertpapiere nur noch an den Börsen ihren Besitzer wechseln dürfen, der direkte Handel zwischen Bank und Kunde soll verboten werden.

Der Börsenzwang wäre ohne weiteres gerechtfertigt, wenn seine Einführung der Beseitigung etwaiger Mißstände dienen würde. Sicherlich ist unser gegenwärtiges System nicht frei von Fehlern; aber von keiner Seite wird der Börsenzwang deswegen gefordert, um einer permanenten Benachteiligung der Kundschaft Einhalt zu gebieten.

Der Hinweis, daß einige ausländische Staaten den Börsenzwang kennen, kann keinesfalls als hinreichende Begründung dafür dienen, ihn auch bei uns einzuführen. In jedem Land hat das Börsenwesen seine eigene Entwicklung genommen; es ist eingebettet in die jeweilige Wirtschaftsordnung und besitzt seinen Rückhalt in Banksystemen, die auf die besonderen Bedürfnisse des Staates, in dem sie arbeiten, Rücksicht nehmen müssen.

Wenn wir den Börsenzwang amerikanischer oder französischer Prägung übernehmen, also vom Grundsatz der völligen Dispositionsfreiheit der Wertpapiereigentümer abgehen, werden wir zwar erleben, daß rein statistisch die Börsenumsätze wachsen, in Wirklichkeit aber ein Rückgang stattfindet. Es ist ein Irrtum anzunehmen, daß Börsengeschäfte auf Eis zu legen sind, bis die Börsenzeiten ihre Ausführung erlauben. Ein großer Teil des internationalen Geschäfts, das sich erfahrungsgemäß außerhalb der regulären Börsenzeiten abwickelt, geht dann an den deutschen Börsenplätzen vorüber.

Noch können wir stolz darauf sein, ein Börsensystem zu haben, daß eine jederzeitige Fungibilität der Effekten sicherstellt. Wer einen Partner findet, kann – wenn er Geld braucht – selbst nachts Wertpapiere veräußern. Im Börsenhandel mit den USA hat es sich in den vergangenen Jahren als wertvoll erwiesen, daß die deutschen Banken auch in den späten Abendstunden noch bereit waren, Effektengeschäfte mit amerikanischen Brokern zu machen.