Ohne wesentliche Atempausen streben die deutschen Aktienkurse neuen Höhen entgegen. Seit Beginn dieses Jahres stieg der ZEIT-Volkswirt-Index um mehr als 30 Prozent. Und das in einem Jahr der Rezession und in sicherer Aussicht zahlreicher Dividendenkürzungen. Wer nach Maßstäben sucht, nach denen sich die Aufwärtsbewegung vollzieht, wird bald aufgeben müssen. Mit Logik kommt man jetzt nicht weiter.

Die Kundschaft kauft nur nach Gefühl, klagen die Effektenberater der Banken. Aber wenn sie ihren eigenen Börsenhändlern über die Schulter sehen würden, könnten sie feststellen, daß diese auf genau den gleichen Pfaden wandeln wie die kritisierte Kundschaft. Welches Papier ist zurückgeblieben und welches wird morgen steigen? Das sind heute die Gesichtspunkte, nach denen sich die Mehrzahl der Aktienkäufer richtet.

Spekulation wird groß geschrieben. Das sah man am besten bei der Lufthansa-Optionsanleihe, die inzwischen zu Kursen von 106 Prozent an den Börsen gehandelt wird. Viele der Zeichner haben ihre zugeteilten Beträge bereits wieder verkauft, nicht weil sie glauben, daß dieses Papier schon ausgereizt ist, sondern weil sie der Überzeugung sind, daß sich bei anderen Papieren schnell größere Gewinne erzielen lassen. Käufer der Optionsanleihe scheinen vornehmlich Ausländer zu sein, die das Aufgeld für das Optionsrecht als international niedrig bewerten.

Wer auf etwas längere Sicht Aktien kauft, richtet sich auch heute noch weitgehend nach Renditegesichtspunkten. Die Zeiten, da sich Sätze von 5 Prozent und mehr erzielen ließen, sind vorüber. Bei guten Papieren muß man sich mit 4,5 und etwas mehr zufrieden geben. Zu den beliebtesten Anlagewerten zählen immer noch die Veba-Aktien (Rendite etwa 4,6 Prozent). Die Veba garantiert in den nächsten Jahren ein überdurchschnittliches Wachstum, das höhere Ausschüttungen wahrscheinlich macht. Außerdem birgt die Veba-Aktie einige spekulative Phantasie, weil der Plan, das Unternehmen mit der Gelsenkirchener Bergwerks-AG (GBAG) zusammenzulegen, keineswegs zu den Akten gelegt worden ist.

Was soll die Veba für die GBAG zahlen? Um diese Frage kreisen zur Zeit die Spekulationen. Nach Lage der Dinge kann der von den GBAG-Aktien besitzenden Banken geforderte Preis nicht einmal eine Diskussionsbasis sein. Wenn der Bund daran interessiert ist, die GBAG-Majorität nicht ins Ausland abwandern zu sehen, wird er einen finanziellen Beitrag leisten müssen, so heißt es in den Börsensälen. Er könnte darin bestehen, daß er die ihm aus der Kursstützungsaktion zur Verfügung stehenden Veba-Aktien dazu benutzt, die Abfindung der GBAG-Aktionäre aufzubessern. Bisher haben diese phantasiereichen Ideen aber den GBAG-Kurs noch nicht nach oben in Bewegung bringen können. K. W.