Berlin

Zehn Minuten, so vernahm es jeder am letzten Freitag um 13.40 Uhr in der Brandenburg halle des Schöneberger Rathauses, wollte Parlamentspräsident Sickert den Demonstranten geben, ihr „go-in“ zu beenden und die Halle freiwillig zu räumen. Sei sie in dieser Zeit nicht leer, so ließ er wissen, müsse man damit rechnen, in den „Bereich polizeilicher Maßnahmen“ zu kommen. Die Maßnahme nahte indes schon nach dreißig Sekunden in Gestalt einer Hundertschaft bereiter Schutzpolizisten, die bis dahin knüppel- und pistolenfrei in einer Saalecke abmarschfertig standen.

Noch bevor sich Photographen und Kameraleute über die Plätze auf den Fensterbänken und Heizungen einigen konnten, traten die Beamten den Beweis an, daß sie sich auch waffenlos der ungebetenen Bürger zu erwehren wissen. Sie unterboten die vom Hausherrn gesetzte Frist um acht Minuten.

Wie weiland Polizeioffiziere auf prügelnde Perser, sahen CDU-Abgeordnete zusammen mit den höchsten Polizeibeamten befriedigt zu, wie Demonstranten, denen die „Welt“ passives und wehrloses Verhalten bescheinigte, mit Fußtritten und Rippenstößen dem Ausgang zugetrieben wurden. Was die Polizei mit Gewalt beendete, hatte die außerparlamentarische Opposition der Stadt auf einer Pressekonferenz im Republikanischen Klub als einen gewaltlosen Versuch angekündigt, mit den gewählten Volksvertretern just an dem Tag zu diskutieren, an dem diese eine große Anfrage der CDU über die von „einer radikalen Minderheit gesteuerte Unruhe in der Stadt“ erwarteten.

Auch Fritz Teufel schien die Stunde günstig, sich der Polizei zu stellen und in der parlamentarischen Öffentlichkeit verhaften zu lassen. Angetan mit einem Konfektionsanzug und bar seines Bartes trug er wie andere Studenten auch sein Namensschild sichtbar zur Schau, als er schon um 12 Uhr mittags das mit Polizei bespickte Rathaus betrat. Eingekeilt von Freunden, passierte er die in allen Fluren und Ecken präsente Ordnungsmacht, sah ebenso treuherzig in die Kameras wie in die Augen jener, die ihn fangen sollten.

Doch zusammen mit zivilen Beamten der politischen Polizei, die sich dank ihrer für den Tag auf Demonstranten-Look getrimmten Freizeitkleidung kaum von biederen Studenten älterer Semester unterschieden, wurde er der Rathaushallen verwiesen, und erst als er und seine Freunde vor dem Rathaus schon aufgeben und nach Hause gehen wollten, tönte es vom Rathausbalkon: „Da ist er“, und unterstützt von einem Verkehrspolizisten tat darauf ein Wachmann seine Pflicht.

Dennoch waren sich die Beamten des nahen Polizeireviers nicht sicher, ob es der Teufel war, den sie in der Zelle hatten. „Wir glauben es nicht“, ließen sie vorerst wissen. Zwar habe er das Protokoll mit Teufel unterschrieben, doch das könne ja auch eine Urkundenfälschung sein.

Fritz Teufel sitzt inzwischen wieder im Moabiter Gefängnis. Ein Prozeß, so heißt es, sei erst im Januar zu erwarten. Nach siebzig Tagen Untersuchungshaft stehen ihm also mindestens weitere drei Monate Zellenaufenthalt bevor. Inzwischen berät der AStA der Freien Universität geeignete Aktionen, mit denen die aus den Semesterferien zurückkehrenden Studenten die endgültige Entlassung ihres bartlosen Kommilitonen bewirken sollen. Horst Rieck