Washington, im September

Der amerikanische Verteidigungsminister McNamara hat den Bau eines zunächst dünnen Schildes von Abwehrraketen in den Vereinigten Staaten angekündigt. Damit bahnt sich eine neue Phase des Atomzeitalters an: die Epoche der ABM (Anti-Ballistic Missiles). Der Einschnitt ist ebenso bedeutsam wie der Übergang vom bemannten Bomber zur ballistischen Fernrakete. Und es droht eine neue Etappe des Wettrüstens.

Das Gleichgewicht des Schreckens zwischen den Atomgiganten ist nicht starr, sondern beweglich und veränderlich, und die Möglichkeit, den Gegner waffentechnisch zu überrunden, ist durchaus gegeben. Die Kernwaffenrüstung kennt keine oberste Grenze, sondern nur immer neue Schwellen der Vervollkommnung. Ein neuer Rüstungswettlauf hebt an, und was heute bescheiden mit fünf Milliarden Dollar beginnt, kann morgen bei fünfzig Milliarden Dollar und ebenso vielen Rubeln enden.

Das ist gewiß nicht die alleinige Schuld der Vereinigten Staaten, ganz besonders nicht die McNamaras. Seine Rede in San Franzisko, worin er den Beschluß der Administration bekanntgab, liefert im Grunde in glasklarer, verantwortungsbewußter Logik die Begründung dafür, daß dieser Beschluß nach rationalen Kriterien überflüssig sei. Doch wie die Sowjetunion, indem sie als erste Großmacht mit dem Bau von Abwehrraketen-Gürteln um einige Großstädte begann und die von Amerika angebotenen Verhandlungen über einen gegenseitigen ABM-Verzicht bisher verweigerte, den Anstoß zu dem Entschluß der Amerikaner gab, und wie China durch das irrationale Verhalten seiner Führerschaft die Sorgen Washingtons vor einem törichten Atom-Abenteuer Pekings steigerte, so wird auch künftig im Verhalten der Großmächte nicht die Logik der reinen Atomvernunft maßgeblich sein, sondern das unstillbare Verlangen, den Gegner zu übertrumpfen. Alles spricht dafür, daß Senator Fulbright recht behält, der prophezeit, wie aus dem „dünnen“ amerikanischen Abwehrschild mit den Jahren ein sehr dicker Schild werden wird.

Der Entwurf des von McNamara geschilderten amerikanischen ABM-Projektes wendet sich zwar ausdrücklich gegen die Unterwerfung unter diese Automatik. Danach soll der amerikanische ABM-Gürtel nur dem begrenzten Zweck dienen, die amerikanischen Offensivraketen noch besser als bisher zu schützen und damit die Fähigkeit der USA zu einem Gegenschlag gegen die Sowjetunion im Fall eines Atomangriffes zu erhöhen und zugleich einen Kernwaffenangriff Chinas mit seinem auch in den siebziger Jahren noch beschränktem Arsenal sinnlos zu machen. Die städtischen Bevölkerungszentren Amerikas können nach der Überzeugung McNamaras durch keinen noch so dicken ABM-Schild geschützt werden. Aber was geschieht, wenn sich das ABM-System doch als relativ abwehrtauglich erweist und seine fortschreitende Perfektionierung die Möglichkeit eröffnet, mindestens einen Teil der Bevölkerungszentren wirksam zu schützen? Dann würden ja auch einige Hundert Milliarden Dollar nicht umsonst verpulvert, wenn sich Amerika mit ihnen ein umfassendes Abwehrsystem anlegte.

Auf derlei Gedankenpfaden scheint sich die Sowjetunion bereits zu bewegen: Die sowjetischen Antiraketengürtel werden um Großstädte und nicht nur um Raketenstellungen gezogen. Johnsons Beschluß ist heute der typische Kompromiß des Präsidenten – hier zwischen den Maximalforderungen der Militärs sowie der militanten Kongreßführer und den grundsätzlichen Vorbehalten McNamaras sowie der zivilen Wissenschaftler gegen ein ABM-System. Doch wird in Zukunft jeder Amtsinhaber im Weißen Haus unter den Druck der amerikanischen Öffentlichkeit geraten, wenn diese erfährt, daß die sowjetische Bevölkerung von Abwehrraketenringen beschützt wird. So wird sich die Spirale immer höher schrauben.

Die „vertikale Proliferation“ der Atom-Großmächte unterliegt der elementaren Eigengesetzlichkeit der Eskalation, die für jeden Schritt in militärtechnisches Neuland so verhängnisvoll typisch ist. Wenn aber die beiden Atomgiganten mit ihrem gewaltigen Potential an offensiven Kernwaffen auch noch einen defensiven Schutzschirm selbst aufbauen, so entsteht zwischen ihnen und ihren atomwaffenlosen Verbündeten eine neue machtpolitische Diskrepanz. Die Ungleichwertigkeit wird verabsolutiert und verewigt. Unter dieser Belastung müssen die Bündnisse zerbrechen oder in reine Protektoratsverhältnisse ausarten.

Daher wird mit der jetzt anhebenden „vertikalen Proliferation“ das ganze Unterfangen, die „horizontale Proliferation“ – also die Ausbreitung von Kernwaffen unter den bisher atomwaffenlosen Industrienationen – zu verhindern und den Atomsperrvertrag sobald wie möglich abzuschließen, aufs höchste fragwürdig und unglaubwürdig. McNamara stellte in San Franzisko nüchtern fest: „Wir übersehen manchmal, daß jedes kommende Zeitalter der Menschheit ein Atomzeitalter sein wird.“ Die amerikanische Regierung wird kaum davon ausgehen können, daß dieses permanente Atomzeitalter ein Naturschutzpark zweier Kernwaffennationen werde. Vielerorts wird sich eine Prüfung aller bisherigen Voraussetzungen für den Atomsperrvertrag aufdrängen. In einem Augenblick, da die Atomgiganten den letzten Rest von Selbstbeschränkung in ihrer Kernwaffenrüstung abwerfen, haben die Nichtnuklearen keine andere Wahl. Joachim Schwelien