„Ich glaube an die Verfassung, das Gesetz und den Sex, aber nicht zwangsläufig in dieser Reihenfolge – Melvin M. Belli, der Staranwalt aus San Franzisko, prägte dieses Wort. Belli, bekannt als Verteidiger des Oswald-Mörders Jack Ruby, machte in Hamburg Station und hielt Professor Bürger-Prinz, Psychiater an der Universitätsklinik in Eppendorf, ein Kolleg über Justiz-Psychiatrie. Er ließ auch wissen, daß er in Frankfurt am Main eine Dependance seines Anwaltsbüros errichten werde, um sich als Strafverteidiger für amerikanische Soldaten anzubieten, die in Europa mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Eine Probe seiner Anwaltskunst gab der Amerikaner kürzlich in Stuttgart. Wie er dort vor den Schranken des Gerichts agierte, schildert der nachstehende Bericht.

Stuttgart

Durch das Kasernengelände der „Kelly-Barracks“, dem Hauptquartier des VII. Corps der US-Army in Stuttgart-Möhringen, rollt ein Konvoi nobler Mietautos. Die Kolonne fährt vorbei an dem PX-Store und hält, kurz hinter dem Kino, vor der Gerichtsbaracke.

Rechtsanwalt Melvin Belli, Strafverteidiger und Spezialist für fette Schadensersatzansprüche aus San Franzisko, ist 20 000 Kilometer gereist, um in Stuttgart vor einem amerikanischen Mill- – tärgericht den US-Sergeanten Charles Wood herauszupauken. Belli macht das kostenlos, denn der Angeklagte, 28 Jahre, mit einem traurigen Dackelgesicht, ist ein armer Teufel. Und Belli ist ein Mann, dem der Ruf vorangeht, die Reichen zu schröpfen und die Armen kostenlos zu verarzten. Außer in Schadensersatzprozessen. Da nimmt er 30 Prozent.

Charles Wood wird des Totschlags beschuldigt. Einen Tag vor Heiligabend 1966 hat er in einer Kneipe den deutschen Bierfahrer Friedrich Koch niedergeschossen. Vier Tage später war der Mann tot.

Melvin Belli, der formaliter nur als Verteidiger Nr. 2 neben dem amerikanischen Anwalt Edward Bellen auftritt, ist es seinem Ruf schuldig, das Tribunal zur Szene zu verwandeln. Er läßt im Gerichtssaal den Tatort nachbauen; originalgetreu, Maßstab 1 : 1, mit Wänden, Tischen und Stühlen, mit Tür und Theke. Der teure architektonische Spaß tut seine Wirkung. Bellis Zimmermannsarbeit drückt die sechs Geschworenen mit den strengen Gesichtern an die Wand. Sie wissen jetzt, daß der Meister aus dem vollen schöpft. Der Star spielt seine Ouvertüre auf der Pauke. Aber was folgt, ist Kammermusik. Wer sich von Belli einen fernsehgerechten Perry-Mason-Auftritt versprach, wird enttäuscht. Der „King of Court“ bleibt die Show schuldig. Dafür sind seine Zeugenvernehmungen Kabinettstückchen.

Auf dem Zeugenstuhl sitzt der Chefarzt des Krankenhauses, in dem Woods Opfer Koch verstarb. Der Mann weiß, daß Belli ihm vorwerfen wird, er habe Koch zu spät operiert, deshalb sei er gestorben. Der Zeuge gibt sich sehr selbstbewußt, wünscht, daß man ihm erst mal den Anwalt vorstelle. Belli verdrießt das nicht. Mit der unterkühlten Sorgfalt eines Insektenforschers zerlegt er sein Opfer, blättert zuerst ein paar Schichten Chefarzt-Arroganz ab und geht dann ins Detail, wie mit der Lupe. Zum Todesstoß verschmäht Belli den Degen, er injiziert, intravenös, ohne Anstrengung. Der Zeuge selbst ist es, der ihm in die Spritze stolpert: „Überall in der Welt werden diese Bauchverletzungen genauso behandelt wie bei uns.“ Und dann hält ihm Belli ein Fachbuch unter die Nase, „The Abdominal Injuries in Warfare“ („Die Bauchverletzungen im Kriege“), 1939 erschienen – und der Zeuge kennt das Buch nicht.