Kritische Anmerkungen zu einer notwendigen, guten Sache

Von Lilo YVeinsheimer

Im Kleinbus beim Herrn Bläsi durfte während der Fahrt durch das Markgräfler Land über Morgennebel nicht geschimpft werden. Septembernebel, so erfuhr die Zugereiste, sind „Tribelchocher“ und eine gute Sache, weil sie kurz vor der Weinlese die Trauben Start und würzig „kochen“. Über das Kinderdorf in dem er arbeitet, mochte der Herr Bläsi nicht so gern reden wie über den Wein. „Da fraget Sie besser den Herrn Pfarrer oder den Herrn Bürgermeister oder den Herrn Direktor persönlich. Die sind ja alle beisammen in Sulzburg.“

Beisammen waren Deutsche und Österreicher, um das zehnjährige Bestehen des Kinderdorfes „Schwarzwald“ zu feiern. Gefeiert wurde akademisch mit einem Festakt in der Universität Freiburg und unakademisch im Kinderdorf-Festzelt in Sulzburg. Daneben gab es außer netten Unverbindlichkeiten harte Diskussionen. Die Prominenz der viel gelobten, viel getadelten SOS-Kinderdörfer zeigt immer deutlicher Neigung, sich in Frage stellen zu lassen.

Hermann Gmeiner war da, jener Mann, den fanatische Bewunderer mit Fleiß zum Heiligen hochstapeln, den fanatische Gegner nicht minder fleißig zum spinnerten Dilettanten degradieren. Die Suche nach einem anderen Mann, über den von Freund und Feind so viel Unsinniges, so viel Mißverständliches geschrieben und geredet worden ist, fällt schwer.

Der heute 48 Jahre alte Vorarlberger Bauernsohn hat nach dem Zweiten Weltkrieg in Tirol das erste SOS-Kinderdorf gegründet. Inzwischen gibt es sechzig SOS-Kinderdörfer in 23 Ländern der Erde, zwölf davon in der Bundesrepublik. Gmeiners Anhänger zählen nach Millionen; der deutsche SOS-Kinderdorfverein – Sitz in München – hat 600 000 Mitglieder und ist für 750 Kinder und Jugendliche in Kinderdörfern und Jugendhäusern verantwortlich.

Er könnte, so ließe sich denken, genüßlich sein Werk betrachten, der Herr Direktor, von einem Kinderdorf ins andere stolzieren, sich in Südamerika, in Indien, in Korea und überall, wo seine Dörfer stehen, als Übermensch feiern lassen und sein Image auf Hochglanz polieren. Aber Gmeiner stolziert nicht, feiert ungern, absolviert ein maßloses Arbeitspensum, sorgt und zersorgt sich. Ein bißchen niedergedrückt bezeichnet er sich selber manchmal als „armen Teufel“, der überall und nirgendwo zu Hause ist und so viele Kinderdörfer gründen muß, daß er zur Gründung einer eigenen Familie keine Zeit hat. Der gläubige Katholik sagt: „Ich habe das alles auf mein Gewissen genommen.“