Von Adolf Metzner

So martialisch begann das Finale des Europacups: Riesige blutrote Fahnen, zweihundert an der Zahl, wurden von vier Marschblocks im Stechschritt ins Stadion getragen. Schmetternde Militärmusik setzte ein. Sowjetrussische Soldaten marschierten vorbei. – Alles eine fatale Demonstration russischer Macht und sowjetischer Größe. Dann folgten nicht weniger als acht Nationalhymnen, dazu noch die ukrainische Landeshymne. Die Hymne von Herrn Becher kam vor jener von Herrn Hoffmann, da D vor F (Federal) rangiert. Während die Nationalhymne ertönte, wurden die angestrahlten Flaggen langsam am Mast emporgezogen.

Und zum Schluß, wie allerliebst, da liefen die lieben Kindlein auf die angetretenen Mannschaften zu und überreichten Blümchen. Schließlich wurden noch Körbe mit Obst dargeboten, von einer Sorte, für die bei uns nach unten gar keine Güteklasse mehr vorgesehen ist. Das ganze die übliche Propaganda, mit ihrer Mischung aus kitschiger Monumentalität und naiver Rührseligkeit. Man fragt sich, wo hier eigentlich der Protest des Holländers Adrian Paulen, des Chefs der Europakommission des InternationalenLeichtathletikverbandes (I.A.A.F.) blieb, wo er doch sonst so gern Zivilcourage an den Tag legt.

Auch der Marquess of Exeter, der vor dem sowjetischen Fahnenwald eine lange Rede hielt – weich pikantes Schauspiel – fand als Präsident der I.A.A.F. kein Wort des Tadels.

Pierre de Coubertin war ein weiser Mann, er wußte, warum er das Protokoll der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele so genau festlegte, deshalb nämlich, weil er jeden Mißbrauch durch den gastgebenden Staat verhindern wollte. Die Leichtathletik ist immer noch das Kernstück der Olympiaden, und die I.A.A.F. sollte für Europameisterschaften und Europacup schleunigst ein genaues Zeremoniell festlegen, das eine solche Propagandaschau von vornherein unmöglich macht.

Die Ungarn haben im vorigen Jahr bei ihrer Ouvertüre zu den Europameisterschaften auf jede politische Propaganda verzichtet – aber in Kiew war das ganz anders.

Wie die Russen mit den westeuropäischen Presseleuten umsprangen, war ebenfalls einmalig.