„Wir müssen immer aufpassen, auf welcher der drei Linien Moskau – Osteuropa – Ostberlin wir weiterkommen können“, sagte Außenminister Brandt am vorigen Sonnabend in einem Interview mit der „Welt“.

De Gaulles Polen-Besuch hat gezeigt, daß in Osteuropa derzeit nicht viel zu machen sein wird. Und Ostberlins Interesse an Fortschritten im innerdeutschen Dialog ist derzeit minimal. Das bewies das Schreiben, mit dem DDR-Ministerpräsident Stoph am Montag Bundeskanzler Kiesingers Brief vom 13. Juni beantwortete.

Kiesinger hatte damals vorgeschlagen, die „grundlegenden Meinungsverschiedenheiten“ mit Ostberlin auszuklammern und über „praktische Fragen des Zusammenlebens der Deutschen“ (Reiseverkehr, Kulturaustausch, wirtschaftlich-technische Zusammenarbeit) zu verhandeln.

Stoph dagegen nannte die „Alleinvertretungsanmaßung der Bundesregierung“ eine „unzumutbare Vorbedingung“ und präsentierte die alten Maximalforderungen Ostberlins in einem neuen Bündel:

  • „Anerkennung der gegenwärtig bestehenden Grenzen in Europa“,
  • „Anerkennung Westberlins als selbständige politische Einheit“,
  • „Anerkennung der Nichtigkeit des Münchner Abkommens“,
  • „Verzicht beider deutscher Staaten, in irgendeiner Form Zugang zu Kernwaffen zu erlangen oder Kernwaffen auf ihren Territorien zu lagern“.

Weiter forderte Stoph: „Zur Aufnahme und Pflege normaler Beziehungen zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland werden solche direkten Kontakte hergestellt, wie sie zwischen Staaten üblich sind.“ Ein Vertragsentwurf lag dem Brief an den Bundeskanzler bei. Verhandlungen über die Wiedervereinigung wurden darin bis zur Kommunisierung der Bundesrepublik zurückgestellt.

So heißt es in Artikel sechs: „Die Regierungen der beiden deutschen Staaten erklären ihre Bereitschaft, nach der Normalisierung ihrer Beziehungen, nach Durchführung einer vereinbarten Abrüstung und dem Abschluß eines Abkommens über europäische Sicherheit sowie unter der Voraussetzung der Überwindung des Militarismus, Neonazismus und der Macht der Monopole Verhandlungen mit dem Ziel der friedlichen Lösung der nationalen Fragen einzuleiten.“ In seinem Begleitschreiben verdeutlichte Stoph ferner: Deutschlandvertrag und EWG-Integration stünden „einem Vereinigungsprozeß diametral entgegen.“