In der Wirtschaft macht sich ein solcher Mangel an Talenten bemerkbar, daß man dort schon auf die Politiker zurückgreift. Und zwar schon auf solche, deren Erfolge in diesem Beruf, wenn man an Professor Erhard denkt, eher umstritten sind. Die von der Wirtschaft, die ihn gern für sich gewinnen möchten, sagen sich: Schön, zum Kanzler war er nicht geboren, geben wir ihm eine zweite Chance, der Mann ist ja noch so jung. Und geben ihm möglichst einen Posten, wo er nicht viel Schaden stiften kann.

Ähnlich steht es mit Erich Mende, der sich auch von der Wirtschaft engagieren ließ, offenbar in der Erkenntnis, daß mit seiner Partei nicht mehr viel Staat zu machen sei – zumindest solange er ihr Vorsitzender bleibt.

Wenn das so weitergehen sollte, daß mehr und mehr Politiker die Politik an den Nagel hängen, dann dürfte bald der Zeitpunkt heranrücken, wo die Politik ihrerseits fähige Menschen aus anderen Berufen abwerben muß. Wenn zum Beispiel Mende den Vorsitz eines Investment-Fonds-Verwaltungsrates übernimmt, warum sollte dann nicht etwa Karl Mildenberger Verteidigungsminister werden, wozu er ja von seiner bisherigen Tätigkeit her gute Vorbedingungen mitbringt?

Ich hätte auch nichts dagegen, wenn dieser oder jener Quizmaster Vertriebenenminister würde, wenn ihn das wenigstens vom Bildschirm vertreiben würde. Wenn jetzt Minister und Ex-Minister wie Kienbaum und Preusker als Männer genannt werden, für die man sich in der Wirtschaft interessiert – was wäre dabei, wenn Männer wie Günter Grass einen F. J. Strauß als Finanzminister ablösen würden, vorausgesetzt natürlich, ersterer bereitete uns keine Hundejahre, und letzterer verspräche feierlich, keinen Roman zu schreiben?

Gewiß: Es fällt schwer, sich Hildegard Knef an Stelle von Käte Strobel als Minister für Gesundheitswesen vorzustellen. Andererseits konnte sich auch niemand von Hassel als Verteidigungsminister vorstellen – und wie lange haben wir ihn auf diesem Posten behalten müssen! Sie meinen, ein Sänger wie Fischer-Dieskau habe – das wurde kürzlich wieder überdeutlich – zuviel zu tun, um Carlo Schmid als Bundesratsminister abzulösen? Aber dieser hat auf seinem Posten auch nichts zu tun – warum könnte nicht auch Fischer-Dieskau tun, was Carlo Schmid nicht tut? Immerhin hätten wir dann einen Minister, der jahrelang in Australien Schuberts „Winterreise“ singen könnte, ohne daß es in Bonn von irgend jemandem bemerkt würde.