Bonn, im September

Nach zweimonatigem Urlaub in der Sowjetunion ist Botschafter Zarapkin nach Bonn zurückgekehrt. Die Bundesregierung hatte ihm, in vierzehn Punkten zusammengefaßt, Vorschläge für Gesprächsthemen zwischen Bonn und Moskau auf die Reise mitgegeben. Wie wird die Antwort des Kremls ausfallen?

Große Erwartungen hat man in Bonn auf die sowjetrussische Antwort nie gesetzt. Der Brief Stophs an Kiesinger, dessen Tendenz in Moskau offensichtlich gebilligt wird, hat diese Skepsis noch vergrößert. Aber was immer Zarapkin aus Moskau mitgebracht hat – die Bundesregierung wird ihre Geduld nicht verlieren. Sie rechnet bei ihren östlichen Entspannungsplänen mit langen Zeiträumen.

Von den Deutschen wurde Zarapkin ein Katalog unterbreitet, der die vorstellbaren Themen nach dem Grad ihrer Erfolgsmöglichkeiten einteilte, um wenigstens zu Verhandlungen über zweitrangige Fragen zu kommen. Als solche Verhandlungsthemen wurden von Bonn vorgeschlagen: der Handelsvertrag, über den schon lange erfolglos verhandelt wird, ein Kulturaustausch, Verträge über technische Fragen, über wissenschaftliche Kontakte, über Probleme des Luftverkehrs und schließlich eine Zusammenarbeit zwischen den beiden Justizverwaltungen.

Die multilateralen Fragen, auf die Brandt und Schütz in dem Gespräch mit Zarapkin hinwiesen, könnten zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik ohnehin nur vorgeklärt werden. Es sind die Fragen der europäischen Grenzen, der Teilung Deutschlands, der Stellung Berlins und schließlich die europäischen Sicherheitsprobleme: Gewaltverzicht, Atomsperrvertrag, Truppenreduktion und Austausch von Manöverbeobachtern. Unter dem Stichwort "Verschiedenes" räumten Brandt und Schütz eventuellen sowjetrussischen Verhandlungsvorschlägen jeden gewünschten Raum ein.

Aber es sieht nicht so aus, als werde die Sowjetregierung auf diese Vorschläge – oder auch nur auf einige davon – eingehen. Der sicherlich im Einvernehmen mit Moskau abgefaßte Stoph-Brief deutet eher auf eine Versteifung der Moskauer Haltung gegenüber der Bundesrepublik hin. Stoph beharrt nicht nur uneingeschränkt auf seinen bisherigen Maximalforderungen; er erweitert noch den Katalog seiner Ansprüche. Sehr viel anders dürfte die Antwort Moskaus nicht aussehen. Geduld wird vonnöten sein – und eine illusionslose Einschätzung des derzeit Erreichbaren. Robert Strobel