Nirgendwo sonst auf der Welt hatte ich eine solche Landschaft gesehen. Bukolische Szenerie, erhabene Einsamkeit, die Welt am siebenten Schöpfungstag, der Mensch – wär’s möglich – noch vor dem Sündenfall. Bougainville vor Dolomitensilhouette, rauchzarte Luft, schwebend und schmeichelnd, ein entrücktes Panorama: Rhumsiki im Inneren von Kamerun; Kapsiki, der Name des Stammes. Die dunkelhäutigen Menschen: schwarz in vielen Schattierungen, Variationen. Durchs Schlüsselloch betrachtet, alles unendlich fremd. Ich wollte keine „Seele Afrikas“ entdecken, nichts entschlüsseln – nur einmal lugen, schnuppern, lauschen. Afrika... das war ein Jugendtraum gewesen, natürlich, genährt von Reisebeschreibungen, Jagdgeschichten, später von Filmen, Nachrichten, dem klopfenden Trommelklang afrikanischer Rhythmen. Afrika ... nun war ich da.

Afrika ist der vorletzte Kontinent, der sich dem Tourismus ergibt. Es geschieht, wie jede späte Hingabe, mit hochfliegenden Hoffnungen und allzuviel Illusionen. Aber Afrika ruft, via Pauschalreise, nun auch Deutschland. Über Nacht düst man an. Wer freilich ein bißchen mehr Zeit hat, mehr Geld wohl auch, nähert sich gemächlich und konservativ per Dampfer den heißen, geheimnisvoll glühenden Küsten. Komfortable französische Schiffe kreuzen kleine zwei Wochen um den gewölbten Bauch Westafrikas herum. Die zahlreichen Landungen zwischen Marokko und Kongo halten bereit, was nicht nur ich zu suchen scheine: den Blick durchs Schlüsselloch.

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Der Seeweg ist zwar lang, aber in der zweiten Klasse billiger als ein Flug. So buchen die französischen Reedereien das ganze Jahr über Passagiere aller Klassen, aller Rassen, zwischen Marseille und Pointe Noire. Auf dem Vorderdeck dominiert tieferes Schwarz. Das Kofferradio ist zugleich Statussymbol und unentwegt malträtierte Unterhaltungsmaschine. Allahs Gebot reicht weit in Afrika. Wo immer diese Muselmänner auch sind, pünktlich um zwölf entrollen sie ihren Gebetsteppich, ob der Muezzin ruft oder nicht: Allah ist Allah und Mohammed ist sein Prophet. Der Islam eroberte ganz Nordafrika, man hat es in der Schule gelernt. Aber wie stark er alle Lebensgewohnheiten eines großen Teils von Afrika prägte – auch südlich der Sahara –, das sehe ich erst auf dieser Reise.

Auf dem Hassan-Turm in Rabat, der Hauptstadt Marokkos, wartet verschleiert eine labende Einsicht: verhüllte Frauen wirken erotischer als modisch ausgezogene – grade im Zeitalter einer allgemeinen, gleichen und öffentlichen Pflicht zur Entblößung weiblicher Körperteile. Welch ein malerisches Gewand, diese Dschellâba, auch wenn sie einfach und arm ausfällt. Flüstert nicht noch immer die Stimme der Scheherezade durch die tausendundeine Nacht? Der arabische Halbmond verblaßte, aber der Hassan-Turm steht, und dort unten, weiß, liegt Rabat. Im Palast von Rabat herrscht der jugendliche König Hassan. Hinter einer Fassade von feudal-orientalischer Pracht ist Marokko erfolgreich bemüht, überfällige und dringende soziale und ökonomische Reformen im Rahmen der alten Ordnung zu vollziehen. Das benachbarte und arabisch verwandte Algerien ging den entgegengesetzten Weg, den der Revolution. Das trennt die beiden Staaten mehr als ihr Streit um einen Streifen Sahara.

Rabat und Casablanca sind westlich herausgeputzte Städte, aktiv, aufstrebend, nach Europa, aber auch nach den USA blickend. Mohammedanische Farben und Formen setzen bunte Akzente auf die weißen Hieroglyphen der Moderne. Die westliche Tünche verblaßt schnell, wenn man nur um wenige Meter die Autobahn der Zivilisation verläßt. Marokko gehört zu den fortgeschrittenen unter den 49 afrikanischen Staaten. Aber in Westafrika leben 90 von je 100 Menschen als Ackerbauern, nicht viel anders als ihre Vorfahren vor tausend, zweitausend, vielleicht zehntausend Jahren.

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