Von Hajek Kriggard

Unter der Schlagzeile „Der schwedische Skandalfilm von Venedig“ preist der Constantin-Verleih den Film „Verschwiegene Spiele“ (Nattlek) von Mai Zetterling auf einem Plakat dem deutschen Publikum an.

Der Skandal in Venedig bestand darin, daß man den Film nur vor Journalisten zeigte und daß die Festspielleitung das Plakat des schwedischen Verleihes entfernen ließ, weil es nach Ansicht des Festspielleiters für „die Öffentlichkeit nicht geeignet“ gewesen sei.

Der deutsche Verleih bewahrte sein Publikum vor dem Plakat, auf dem eine Zeichnung von Leonardo da Vinci – ein Geschlechtsakt als anatomischer Sagittalschnitt – abgebildet ist. Das Plakat hatte anscheinend seinen Dienst, Ärgernis zu erregen, getan, und das deutsche Publikum ist vielleicht für Hinweise auf Skandale dankbarer als für Aufklärung über die Bedeutung einer etwas delikaten Zeichnung eines alten Meisters. Schließlich locken Sex und Skandal mehr Leute ins Kino als ein Hinweis auf Freud und die Psychoanalyse. (Freud legte diese Skizze seiner Ausführung „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci“ zu Grunde, an der Mai Zetterling sich bei der Darstellung sexueller Probleme durch Kindheitserlebnisse stark orientiert.)

Die Ankündigungen der deutschen Erstaufführung in den Tageszeitungen umschreiben noch genauer, wie der Verleih den Film an das deutsche Publikum verkaufen will:

„Dieser Film, der kein Tabu kennt, der nichts verschweigt, ist voll Brisanz und Explosivität. Turbulente Szenen von schonungsloser Offenheit, wilde Sexorgien, Strip-tease-Partys, wüste Trinkgelage wechseln einander ab. Es ist die einmalige Studie einer dekadenten Gesellschaft

Diese Tendenz, das Publikum vorwiegend auf diejenigen Szenen des Filmes zu lenken, die zur Darstellung der sexuellen Kindheitserlebnisse des Protagonisten dienen, läßt sich von der deutschen Bearbeitung des Filmes über die Ankündigung bis in die Inhaltsangabe des illustrierten Film-Kuriers zeigen.