Ich wende mich an die Regierung, an die Vertreter der Öffentlichkeit, an die Juristen und Ärzte, an die Wissenschaftler und Schriftsteller mit der Bitte, das unmenschliche und ungesetzliche Verhalten der Aufsichtsorgane im Strafarbeitslager „Postfach 385/17“ abzustellen, dessen Kommandant Annenkow ist. In diesem Lager verbüßt mein Mann, der Schriftsteller Julij Danielj, seine Strafe. Ich bitte, die Willkürakte abzustellen, die das Leben und die Gesundheit meines Mannes und anderer Häftlinge gefährden und die unsere Regierung und unser Rechtswesen kompromittieren.

Danielj befindet sich gegenwärtig für ein halbes Jahr im Lagergefängnis. Dem sind folgende Ereignisse vorausgegangen: Mit dem offensichtlichen Ziel, ihn völlig ungerechtfertigterweise zu quälen, haben die Aufsichtsorgane Danielj verboten, eine Creme gegen Mücken zu benützen, und ihm befohlen, sie abzuliefern. Diese Maßnahme ist nichts Neues: Bereits in den dreißiger Jahren, während der bekannten „Verletzungen der sozialistischen Gesetzlichkeit“, sind die Lagerleitungen darauf gekommen, Häftlinge „den Mücken auszusetzen“.

Danielj hat sich geweigert, dem Befehl nachzukommen. Da stürzten sich drei Wächter auf ihn und drehten ihm die Arme auf den Rücken. Das hatte natürlich Derichs Widerstand zur Folge. Trotzdem haben sie ihn überwältigt, zu Boden geworfen, ins Gesicht geschlagen, ihm Handschellen angelegt und ihn für sechs Monate in die BUR, das Lagergefängnis, geworfen.

In dieser Gefängnisbaracke ist es verboten, sich tagsüber, vom Früh- bis zum Abendappell, niederzulegen, es ist kalt und feucht, auch im Sommer, und es gibt nur Strafrationen... Danielj ist nicht gesund: Er leidet an einer chronischen Mittelohrentzündung, die in der Haft vernachlässigt wurde, da er dort weder unter ärztlicher Aufsicht stand, noch einen Ohrenarzt konsultieren konnte, noch irgendwie behandelt wurde, obwohl er es zu wiederholten Malen verlangte; dazu kommt die schwere Kriegsverletzung und Schwächung des Organismus nach einem Jahr Unterernährung im Lager. Ich fürchte für das Leben und die Gesundheit meines Mannes.

Die Danielj zuteil gewordene Behandlung ist überdies nichts Außergewöhnliches in den Lagern politischer Gefangener. Die vor der Öffentlichkeit geheim gehaltene Instruktion ermöglicht praktisch jede Willkür der Lagerleitung: Herabsetzung der Essenrationen, Einschränkung oder völlige Einstellung der Familienbesuche, das Verbot, Pakete zu schicken oder zu empfangen, Briefe, Tabak, Bücher zu bekommen: Strafzelle, Handschellen und Baracke mit verschärftem Regime.

Da die Lagerleitung gar nicht kontrolliert wird und die Häftlinge völlig rechtlos sind, kann die Lagerleitung jeden ihrer Beschlüsse mit dem schlechten Benehmen des Häftlings begründen oder ihn beschuldigen, die Produktionsnorm nicht erfüllt zu haben.

So hängen Leben und Gesundheit der Häftlinge ausschließlich davon ab, ob sie einen „guten“ oder „schlechten“ Kommandanten, Instrukteur oder Wächter haben ...