Von Wieland Schmied

Lieber Werner Haftmann,

darf ich – bevor ich unser Gespräch in demselben freundschaftlichen Geist, in dem Sie es aufgenommen haben, für heute beenden möchte – noch einmal zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren, zu Ihrem Vorwort einer Ausstellung E. W. Nays?

Worum es ging, war dies: In der Einleitung Ihrer Deutung der letzten Bilder Nays standen Sätze, die mehr oder weniger als ein pauschales Aburteilen wesentlicher Strömungen junger gegenwärtiger Kunst zu verstehen waren. Sie hatten „Richtungen“ geschrieben, und ich glaubte, Sie hätten auch „Richtungen“ gemeint.

Sie haben sich meiner Auslegung widersetzt und Ihre Bemerkungen eingeschränkt. Ich darf Ihnen sagen, daß ich darüber glücklich bin. Man ist in diesen Tagen, in denen an so vielen Stellen alte Ressentiments wieder hervorbrechen – ich erinnere nur an den Zürcher Literaturstreit um eine Rede Emil Staigers wider das „Vulgäre“, „Groteske“ und „Kranke“ in der modernen Literatur – hellhörig geworden für Töne, die geeignet scheinen, all denen Argumente zu liefern, die nur zu gern behaupten möchten, die moderne Kunst entwickle sich zum „Vulgären“, „Denaturierten“ und „Orgiastischen“ hin.

Sie haben mich mißverstanden, wenn Sie antworten, ich hätte Ihnen die Nichtbeachtung jener von mir in verschiedenen Zusammenhängen genannten Künstler vorgeworfen – so einfach habe ich es mir wirklich nicht gemacht. Ich hatte die Frage gestellt, ob (was die Argumente Ihres Vorworts suggerierten) die Akzeptierung Nays die eines Vasarely, Hundertwasser oder Klapheck ausschließe, und weiter gefragt, ob es sich nicht auch bei Albers, bei Bellmer, bei Lindner, bei Oelze, bei Geiger und vielen Jüngeren empfehle, sich gerade „den jüngsten Bildern zu stellen“, denn ich meine eben bei Lindner, bei Oelze, bei Geiger in letzter Zeit eine Phase der Entwicklung beobachtet zu haben, die eine neue Auseinandersetzung lohnt.

Sie empfehlen mir, die letzte Ausgabe Ihres Buches „Malerei im 20. Jahrhundert“ auf diese Namen durchzusehen. Das habe ich getan. Das Ergebnis (abgesehen von den kurzen Künstlerviten des Anhangs): Albers – sieben Erwähnungen im Textband, anderthalb kommentierende Sätze im Tafelband, zwei Abbildungen (von 1011); Bellmer – nichts; Geiger – ein kommentierender Satz, keine Abbildung; Hundertwasser – keine Erwähnung im Text, eine Abbildung; Klapheck – keine Erwähnung, eine Abbildung; Lindner – nichts; Oelze – zwei Erwähnungen im Text, eine Abbildung; Vasarely – eine Erwähnung, ein kommentierender Satz, zwei Abbildungen.