Von Harry Valérien

George C. Dayton saß an der Bar des „Automatic Swimming Pool“ in Los Angeles und schlürfte zufrieden seinen Orange Juice.

Seit einer Stunde wußte alle Welt, wer Dayton ist. Seinen Ideen und seiner finanziellen Mithilfe entsprangen sensationelle Weltrekorde, die durch medizinisch-wissenschaftliche Berater seit Jahren gründlich vorbereitet wurden. In über tausend Tests hatten Ärzte, Chemiker und Trainer herausgefunden, wie und wann ein Schwimmer während des Wettkampfes mit Schwächeperioden zu rechnen habe und mit welchen unschädlichen Drogen diese Schwächen erfolgreich zu bekämpfen sind. Aus den Tests ausgeschieden wurden von vornherein alle Kandidaten, deren spezifisches Körpergewicht unter dem Zahlenwert 7 lag, oder die den FH-Test nicht bestanden haben. Durch diesen Test wird mittels eines Finger- und Handflächenabdrucks die sportliche Fähigkeit für Höchstleistungen festgestellt.

Für die Rekordversuche in Beverly Hills haben Wissenschaftler nach langen Versuchen erstmals ein bestimmtes Quantum von Chemikalien ins Wasser gemischt mit dem Resultat, daß die vorher üblichen Ermüdungserscheinungen der Schwimmer verzögert, teilweise sogar völlig ausgeschaltet wurden. Die Teilnehmer dieser Rekordversuche benutzten eine neuartige Creme, die nicht nur das Gleitvermögen des Körpers erheblich steigerte, sondern gleichzeitig eine stimulierende Wirkung auf Blutkreislauf und Organkraft ausübte. Wie sich heute sagen läßt, sind die sensationellen Weltrekorde im Schwimmen überhaupt nur durch Anwendung und Ausnutzung dieser medizinisch-wissenschaftlichen Präparate und der technischen Geräte möglich gewesen. So schwamm die vierzehnjährige Sue, die Tochter des Initiators und Mäzens George C. Dayton, die 1500 m Freistil in weniger als 16 Minuten – eine Leistung, die in das Reich der Fabel gehört und die selbst von Experten vorher auch nicht annähernd für erreichbar gehalten wurde.

Nun – diese Geschichte ist erfunden. Sue Dayton gehört vermutlich einer Generation an, die nach 1980 geboren und ihre Rekorde um die Jahrhundertwende aufstellen wird, wahrscheinlich früher. Aber solche Vorstellungen und Gedanken zur Entwicklung im internationalen Schwimmsport entstehen zwangsläufig dann, wenn man sich fragt, welche Gründe die Rekordflut in den USA hat, und wo die Leistungsgrenzen in der Zukunft liegen. Der populäre Wert einer Leistung im Schwimmen liegt wohl in der Tatsache begründet, daß die Rekorde, wie im letzten Sommer häufig geschehen, von dreizehn-, vierzehn- und fünfzehnjährigen Mädchen erzielt werden.

Aufmerksame Zeitungsleser erinnern sich des Namens Debbie Meyer, Weltrekordlerin im 400m-Freistilschwimmen in 4 : 29,0 Minuten. (Von Gregory Charlton, ihrem Landsmann, wissen sie nichts. Er schwamm Weltrekord auf der gleichen Strecke in 4 : 08,2 Minuten.) Das junge Mädchen fällt aus dem Rahmen, die Leistung des Mannes nimmt man kommentarlos hin. Hinzu kommt, daß der Schwimmsport nicht die Faszination besitzt wie zum Beispiel ein Boxkampf, ein Tennisspiel oder ein 800-m-Lauf. Was fasziniert, ist die oft und gern verbreitete Nachricht über ein zierliches, unausgewachsenes Mädchen, das irgendwo in der Welt schneller geschwommen ist als der größte Teil der Männer in Europa. Beim Schwimmen indessen sucht man die Fähigkeiten der Frau an denen des Mannes zu messen, um deutlich zu machen, wie gering hier die Leistungsunterschiede sein können. Und dabei offenbart sich, daß Rekorde nicht purer Kraft entspringen. Es sind andere Eigenschaften, die das Mädchen zu solch erstaunlichen Leistungen treiben: günstiges spezifisches Körpergewicht, richtiges Atmen und zweckmäßige Anwendung und Koordination von Armen und Beinen in einem optimalen Rhythmus.

Der „schwimmende Kindergarten“ ist nichts Neues und nicht erst in den USA eingeführt worden. Rekorde durch Dreizehn- bis Sechzehnjährige sind seit mehr als dreißig Jahren zu verfolgen, angefangen von den Japanern 1932 in Los Angeles über das dänische Schwimmwunder Ragnhild Hveger, die australischen Geschwister Jon und Ilsa Konrads, die Südafrikanerin Karin Muir bis hin zu Debbie Meyer aus den USA. Auch in Deutschland hatten so junge Mädchen schon vor dem Kriege aufsehenerregende Zeiten geschwommen.