Sie sind in die Falle gegangen!" jubilierte Ra~ dio Kairo am Morgen des 5. Juni 1967, als israelische Jagdbomber der ägyptischen Luftwaffe mit einem Uberrumpeiungsschlag bereits den Garaus versetzt hatten. Drei Monate spater schrieb eine angesehene britische Zeitung, oh ie auf Widerspruch zu stoßen: "Ägypten lief den Israelis in die Falle So hÄtte also der amerikanische Publizist Robert J. Douovan recht mit seiner Annahme, daß der letzte Krieg im Nahen Osten im wechselseitigen Einverständnis entfesselt worden sei? Noch ist es zu früh, die Geschichte des israelisch arabischen Sechstagekrieges zu schreiben, obschon die Zeithistoriker, im Bunde mit den Journalisten, die erste Ernte in die Scheuern gefahren haben. Vielleicht werden sie in zehn oder zwanzig Jahren nicht klüger sein als heute; es ist kaum zu vermuten, daß der Krem! seine Archive öffnet oder Gamal Abd el Nasser, falls er bis dahin noch Muße zum Memoirenschreiben finden sollte, seinem Volke reinen Wein einschenkt.

Was war der Anlaß zum Krieg? War der Blitzkrieg überhaupt nötig oder hätte auch ein Sitzkrieg genügt? Und wer gab den ersten Schuß ab? Auf all diese kitzligen Fragen gibt es vorläufige Antworten. Da sie, bei einem Vergleich der Kriegsliteraiur, ziemlich übereinstimmend ausfallen, kommen sie der Wahrheit vermutlich, sehr nahe.

Der Aufmarsch von sieben ägyptischen Divisionen auf der Sinai Halbinsel, mit dem die Krise Mitte Mai einsetzte, läßt sich eindeutig durch Nassers Sorgen um Syrien erklären. Mehr als einmal hatten die politischen und militärischen Führer Israels dem Regime in Damaskus bedeutet, daß es mit der israelischen Geduld bald zu Ende sei. Als der sowjetische Geheimdienst Anfang Mai einen israelischen Truppenaufmarsch an der syrischen Grenze meldete, mag er syrischen Falschmeldungen oder israelischem Spielmaterial aufgesessen sein — jedenfalls bekam es das Baath Regime mit der Angst zu tun. Nasser, militärischer Alliierter und ideologischer Konkurrent der Baatnisten, konnte sidi ihrem Hilferuf nicht versagen. Sein Prestige hatte durch den mörderischen Krieg im Jemen und die Wirtschaftsmisere im eigenen Land ohnehin erheblich gelitten; außerdem mußte er sich von den Jordaniern verhöhnen lassen, weil sich seine Armeen hinter der UN Friedenstruppe versteckt hielten. Innerhalb weniger Tage verstand er es. durch eine Politik des Bluffs und des Risikos, alle Araber, ob Freund, ob Feind, um seine Person zu scharen.

Ohne Schwertstreich hatte Nasser Israel in die Enge getrieben. Verschiedene Indizien sprechen dafür, daß er, allen blutrünstigen Re3en "seiner Propaganda zum Trotz, keinen Krieg wollte. Ihm mag eine diplomatische Demütigung Israels vorgeschwebt haben, vielleicht auch ein erpresserisches Manöver zugunsten der Palästinaflüchtlinge. Wolke er den Krieg nicht, so hat er ihn doch riskiert. Unglaubliche Pfuscharbeit seines Geheimdienstes, fahrlässige Überheblichkeit und Verblendung, blindes Vertrauen auf die Güte des sowjetischen Kriegsmaterials und auf die Erfahrungen sowjetischer Schanz Instruktenre, was immer der Grund gewesen sein mag — Nasser fürchtete den israelischen Gegenschlag nicht; er hat ihn wohl auch nicht mehr erwartet, nachdem er drei Wochen lang ausgeblieben war. Israel im Würgegriff der Araber — so malte sich die Situation in den Augen der Weltöffentlichkeit. Um so erstaunlicher ist es, wenn man jetzt erfährt, daß Präsident Johnson auch nicht eine Sekunde lang um die Existenz Israels gebangt hat. Das Pentagon hatte ihm klipp und klar nachgewiesen, es könne im Falle eines Krieges nur einen Sieger geben und der hieße — Israel. Sogar wenn die ägyptische Luftwaffe den ersten Schlag austeile, würden die Israelis dennoch in zwei bis drei Tagen die ägyptische Luftmacht vernichten können, versicherten ihm seine Stabschefs. Donovan zitiert einen hohen amerikanischen Regierungsbeamten: "Geheimdienst und Militärs waren sich einig, daß die Israelis in einem kurzen Kampf an allen Fronten mit Leichtigkeit die Oberhand behalten würden. Uns war bekannt, daß viele ägyptische Flugzeuge nicht einsatzbereit waren und daß es der ägyptischen Armee an Ausbildung und Disziplin mangelte " Auch die Sowjets scheinen Bedenken gehabt zu haben, sonst hätten sie wohl Nasser nicht so eindringlich beschworen, sich jeden Angriffs 7 u enthalten.

In der israelischen Regierung freilich gab es einige ängstliche Gemüter, die ein Blutbad in TelAviv und anderen Städten oraussahen, falls Nasser seine Fernbomber und Raketen einsetzen würde. Die Motive dieser Appeasers waren nicht 1weniger ehrenhaft als die eines Neville Chamberlam, der im Frühjahr 1938 von der Vorstellung geplagt wurde, die deutsche Luftwaffe könne London pulverisieren, obschon sie dazu weder damals noch später je imstande war. Als in der entscheidenden Sitzung des israelischen Kabinetts am 4. Juni Luftwaffenchef General Hod ihnen erklärte, daß seine Flieger die Luftstreitkräfte Ägyptens und aller ändern Araberstaaten vernichten könnten, ohne daß Tel Aviv einem Bombardement ausgesetzt sein werde, vermochten sie es kaum zu fassen. Aber Verteidigungsminister Dayan wußte, daß Hod die Wahrheit sagte; seine Sachkenntnis überzeugte schließlich die zögernden zivilen Minister, sein Optimismus spülte ihre Bedenken hinfort "Dies war", so meinen die Churchills, "vielleicht Dayans entscheidendster Beitrag zum Sieg".

Wenn die israelischen Militärs derart siegesgewiß sein durften (General Weizmann: "Die Araber haben uns wieder umzingelt — die armen Hunde!"), hätte Israel dann nicht weiterhin gelassen dem Aufmarsch seiner Feinde zusehen, zuversichtlich auf eine diplomatische oder auch militärische Demonstration seiner westlichen Verbündeten warten und eingedenk früherer Erfahrungen auf einen Zerfall des Bündnisses zwischen Nasser und König Hussein hoffen können? "Es ist nicht die Furcht, die uns friedfertig stimmt", sagte Bismarck in seiner berühmten E ede über den Präventivkrieg, "sondern gerade das Bewußtsein unserer Stärke, das Bewußtsein auch dann, wenn wir in einem mindergünstigen Augenblick angegriffen werden, stark genug zu sein zur Abwehr " Bismarck hat freilich an anderer Stelle auch dafür plädiert, der Staatsmann müsse sich nach einem Kriegsgrund umsehen, der nach dem Krieg noch stichhaltig sei; nur für die "vitalsten Interessen" des Landes dürfe ein Krieg begonnen werden. Vitale Interessen Israels waren durch die Blockade des südlichen Seeweges eindeutig berührt. Darum überrascht es nicht, daß ein so vorsichtiger und gemäßigter Mann wie der israelische Ministerpräsident Levi Eschkol sofort nach Beginn der Blockade gegen die Ägypter losschlagen wollte. Erst unter dem Einfluß seines Außenministers Eban, der die amerikanische Öffentlichkeit nicht vor den Kopf stoßen und einen Krieg erst diplomatisch absichern wollte, entschied sich auch Eschkol fürs Abwarten, dessentwegen er von vielen im Lande kritisiert wurde. Erst dieses Zuwarten gab Nasser die Gelegenheit, den Aufmarsch auf der Sinai Halbinsel zu vollenden, erst dadurch fühlte sich König Hussein ermuntert, seine Truppen ägyptischem Kommando zu unterstellen. Aber eben dadurch wurde es Dayan und den anderen "Harten", die von vornherein auf diesen Krieg aus waren, überhaupt erst möglich, die ägyptische Armee einzukesseln und Altjerusalem und Cisjordanien zu befreien. Hätten die Israelis am 26 oder 27. Mai losgeschlagen — den Amerikanern zuliebe verschoben sie den Angriff —, so wären Kriegsbeute und Landgewinn viel geringer ausgefallen. Zunächst sollte nur Gaza erobert werden, damit Israel für Verhandlungen über den freien Schifffahrtsweg im Golf von Akaba ein Faustpfand in die Hand bekam. Erst Dayan hat dann Anfang Juni den Angriffsraum verbreitert.

Die Diskussion über den ersten Schuß ist müßig, da es Israel an Kriegsgründen wahrlich nicht mangelte. Nie in all den Jahren seit 1957 hatten die Israelis ihre Gegner im unklaren gelassen, daß sie den Casus belli für gegeben erachteten, falls der Seeweg im Golf von Akaba blockiert wurde und falls irakische oder ägyptische Truppen am Westufer des Jordan auftauchten. Der Pakt zwischen Nasser und Hussein hat in der Tat auch im israelischen Kabinett den Ausschlag zum Krieg gegeben. Dennoch hielt es die israelische Propaganda für nötig, den Präventivkrieg als einen Pre emptivlu ieg zu rechtfertigen, mit anderen Worten: Israel habe einen schon eingeleiteten feindlichen Angriff durch einen Gegenschlag noch jenseits der Grenzen abfangen müssen.