Erste Wahl ohne Kaisen – Bremer CDU will die absolute Mehrheit der SPD brechen

Von Hang von Kuenheim

Bremen, im September

Sein Konterfei lächelt von den Plakaten und verheißt den Bremer Bürgern: Was gut ist für Deutschland, sei auch gut für ihre Stadt. Diesem Motto etwas hinzuzufügen, fällt dem Bonner Kanzler schwer, und so reduziert sich seine Wahlhilfe für die christlich-demokratischen Parteifreunde auf eine gute Portion Charme, mit der er in der Bremer Stadthalle das Wahlvolk beglückt.

Es ist das viertemal, daß er in einen Landtagswahlkampf eingreift, und man glaubt, die Glacéhandschuhe zu sehen, die er übergezogen haben muß; denn Kiesinger kämpft nicht, er rechnet weder ab noch nach noch vor. Da gibt es keine Gegner, auf die er schlägt. Da gibt es nur die Große Koalition, deren hohes Lied er singt.

Er singt es laut und vernehmlich, die mürrischen Zwischenrufe "hinten links" verstummen. Von der Bonner Eintracht ist die Rede, den Gemeinsamkeiten und den gemeinschaftlichen Aufgaben der Zukunft. Die Stoph-Antwort wird angetippt und de Gaulles Hindenburg-Passage mit dem Lächeln des Wissenden zu den Akten gelegt. Gewiß, nicht immer gehe alles ganz glatt, ein unbändigeres Gespann habe er zu führen als die beiden Kanzler vor ihm. Dennoch, Fuhrmann, der er sei, werde er den Wagen nicht umfallen lassen. Die Bilder wechseln – vom Fuhrmann zum Kapitän, der das Schiff sicher steuert. Erst zum Schluß, die Verdener Reiterkapelle greift schon zu ihren Instrumenten, kommt es: Ganze 47 Sekunden dauert der schamhafte Appell. Kiesinger bittet seine Zuhörer, den Vorsitzenden der Christlichen Demokraten doch gelegentlich zu ermutigen und deshalb am Wahltag kräftig für die CDU zu stimmen.

Da gab sich tags zuvor der sozialdemokratische Wahlhelfer nicht so pingelig. Hans-Jochen Vogel, Münchens Oberhaupt, noch etwas Weißwurst-Seligkeit seines gerade begonnenen Oktoberfestes ausstrahlend, stimmte in dem Lied von der Bonner Gemeinsamkeit selbstbewußtere Töne an. Er pries seine Bonner SPD-Kollegen als Lotsen des Regierungsschiffes, die weder Erfüllungsgehilfen noch Juniorpartner seien. Es sei klar, daß sie 1969 das Steuer selbst in die Hand nehmen würden. Sein Ausflug in die große Politik war kurz. Der Bayer hielt lieber ein kommunalpolitisches Kolleg über die Aufgaben der Rathäuser, sprach von Sportplätzen, Kindergärten, Krankenhäusern und Wohnungen. Er hatte Zahlen und Fakten präsent und schilderte eine Zukunft, die nur von sozialdemokratischen Politikern bewältigt werden könne.