Von Gottfried Sello

Jede Kunst scheint sich zu verkriechen, wann und wo sie auf Verständnis nicht rechnen kann. Bosch war verborgen wie Greco, bevor diese Sonderlinge dem Zeitgeschmacke zusagten." Max Friedländer hat das in seinem Bosch-Vortrag gesagt, den er 1941 gehalten hat. Der Vortrag ist als Hommage für Friedländer, den Experten auf dem Gebiet der niederländischen Malerei, dem Katalog der Ausstellung vorangestellt, die in Herzogenbusch oder ’s Hertogenbosch veranstaltet wird, der Stadt des Malers, der Jeroen van Aken hieß und die letzte Silbe seiner Geburtsstadt als Künstlernamen wählte.

Schauplatz dieser großartigen Darbietung ist das Nordbrabantische Museum, eine ehemalige Kirche, wo bis ins 17. Jahrhundert Gottesdienst gehalten wurde, dann diente sie als Kaserne, seit 30 Jahren als Museum. Die große Halle hat die schöne Nüchternheit Saenredamscher Kirchenräume, ein nicht zu feierlicher und nicht ganz profaner Rahmen für die erste Bosch-Ausstellung seit 1936.

Bosch war ein Sonderling in seiner Malerei, nicht nach den bürgerlich provinziellen Lebensumständen, soweit diese aus den spärlichen Urkunden zu ersehen sind. Von irgendwelchen Extravaganzen ist nichts bekannt, er war kein Verlorener Sohn, kein Vagabund und nicht "buiten hoede", nicht unbehütet, und vielleicht ist es diese eingegrenzte, behütete Existenz, die sich ein Pandämonium erschafft, in Träume flüchtet, deren ausschweifende Exzentrik die Realität mit ihren faktischen Genüssen und Lastern nicht nur übertrumpft, sondern sie zum harmlosen Kindergarten deklassiert.

Als Sonderling und Außenseiter steht er in der Reihe der großen niederländischen Meister, die mit den Brüdern van Eyck einsetzt und um 1480, als Bosch auf den Plan tritt, bis zu Rogier van der Weyden gediehen ist. Nicht nur zeigt er sich von ihnen gänzlich unbeeinflußt. Sondern er stellt die hochgepriesenen Errungenschaften der niederländischen Malerei radikal in Frage. Der illusionistische Bildraum wird aufgegeben, die Perspektive willkürlich gehandhabt, Plastizität der Figuren ist ebenso nebensächlich wie anatomische Richtigkeit, und wenn die niederländischen Meister natürliche Anschauung und visuelle Wahrheit proklamieren, dann bekennt sich Bosch zur Unnatur; dann gefällt er sich in der Rolle des Demiurgen, der die Dinge höllisch durcheinanderwirbelt, um aus Realitätsabfällen eine neue, keineswegs eine bessere, aber eine in ihren Leidenschaften maßlose, übersteigerte, phantasmagorische Welt zu erschaffen.

Gemessen an der niederländischen Malerei um 1500, war Bosch hinter der Zeit zurück, ein Rückfall ins Mittelalter, oder ihr voraus. Seine Mitbürger nannten ihn zwar, als er tot war, einen insignis pictor, aber sein Ruhm war über Herzogenbusch kaum hinausgedrungen. Nur Philipp der Schöne hat urkundlich ein "Jüngstes Gericht" bei ihm bestellt. Erst um 1550, im Zusammenhang mit dem Manierismus, erwärmten sich die Niederländer ("ein wenig gegen ihre Natur", bemerkt Friedländer) für seine Exzentrik.

Die Habsburger mit ihrem exzellenten Instinkt für metaphysische Späße und makabre Drolerien erklärten Bosch zu ihrem Lieblingsmaler. Der orthodoxe Philipp II. besaß an die 30 Bosch-Gemälde, man kann annehmen, daß sie ihm sowohl Erbauung wie weltliches Vergnügen verschafften. Dank dieser Vorliebe hat der Prado heute die größte Bosch-Sammlung (zwei Bilder, eine "Versuchung des Antonius" und "Die Heilung der Tollheit", hat er zu der Ausstellung geschickt, den "Garten der Lüste" und den "Heuwagen" hat er verständlicherweise den Gefahren einer Reise nicht ausgesetzt). Auch Philipps Nachkomme, Rudolph II., war ein fanatischer Bosch-Verehrer. Spanien hat Bosch für sich usurpiert. "Andere malen die Außenseite des Menschen, während Hieronymus Bosch mutig genug war, ihn so darzustellen, wie er innerlich ist", schrieb 1605 Joseph de Siquenza. Eine überraschend moderne Auffassung: Was Bosch als Höllenvision ausgibt, wird als Innenansicht des Menschen, als Projektion seiner Alp- und Wunschträume verstanden.