Von German Kratochwil

Die lateinamerikanischen Schriftsteller gehören zu Gesellschaften, die so archaisch sind, daß das geschriebene Wort nur von ganz wenigen verstanden wird, und in denen Bräuche, Werte und Phantasien auf mündlicher Überlieferung beruhen. Jedes Land des Subkontinents weist Gebiete auf, in denen die moderne Zeit nur bruchstückweise, mit heterogenen Einzelheiten, in Erscheinung tritt. Die Zivilisation beginnt nicht mit dem Lesen und Schreiben, sondern mit Coca-Cola, Rundfunk oder einer Petroleumgesellschaft.

Die Zugehörigkeit der Bewohner dieser Gebiete zur Nation wird nie bezweifelt, eher noch unterstrichen. Und der Schriftsteller sieht sie nicht wie ein Anthropologe, sondern wie einer aus ihrer Mitte; er hat die Möglichkeit, mit modernen literarischen Mitteln, aber weder historisierend noch der Exotik nachjagend, über Menschen zu schreiben, die von der gutenbergischen Revolution unberührt geblieben sind.

Diese Möglichkeit nützte mit hervorragenden Ergebnissen der Brasilianer Guimarães Rosa.

Nach seinem erfolgreichen Eintritt ins deutsche Sprachgebiet mit dem Roman „Grande Sertão“ (1964) erschien nun

João Guimarães Rosa: „Corps de Ballet“, Romanzyklus, aus dem Portugiesischen von Curt Meyer-Clason; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin; 792 S., 26,– DM.

Guimarães Rosa verkörpert den Versuch in der brasilianischen Literatur, durch Beschränkung auf ein bestimmtes Gebiet über ganz Brasilien, über seine Menschen und ihre Schicksale zu schreiben.