Von Hans Gresmann

Der Regentenstuhl im Schöneberger Rathaus in Berlin ist verwaist. Heinrich Albertz, müde der Querelen und der Attacken aus den Reihen der eigenen Partei, hat resigniert seinen Hut genommen.

Der Rücktritt des Regierenden Bürgermeisters ist mehr als nur ein Berliner Lokalereignis. Denn darin, daß die Stadt an der Spree, die man aus Politikermund jüngst nicht mehr so häufig wie früher als deutsche Hauptstadt apostrophiert hörte, nun ihren Kopf verloren hat, offenbart sich eine dreifache Tragödie: das Scheitern von Heinrich Albertz, das Malaise der Berliner SPD und schließlich, sagen wir es ohne Beschönigung, das Elend der Stadt Berlin.

Ein Dreivierteljahr ist es her, daß Albertz das Erbe Willy Brandts angetreten hat. Korrekter wäre es wohl zu sagen: Er trat als der Erbe Willy Brandts an, der ihn vor einem Dutzend Jahren nach Berlin geholt hatte und der nun als Außenminister nach Bonn ging. Albertz wäre niemals Herr in Berlin geworden, hätte der scheidende Brandt ihn den Parteigenossen nicht gleichsam testamentarisch vermacht. Als integrer, kluger und besonnener Politiker hat Albertz zweierlei nicht verstanden: sich mit seiner Partei so zu arrangieren, daß mindestens eine kleine Hausmacht ihm zur Verfügung stand, und zweitens, sich zum Sprachrohr der Berliner – oder doch mindestens ihrer Mehrheit – zu machen.

Aber konnte er das überhaupt? Wird das sein Nachfolger können? In diesem Lichte muß die Tragödie eines Mannes gesehen werden, dessen große Vorgänger zu Idolen wurden.

Welch grandiose Szene war es, als sich am 9. September 1948 auf dem Platz der Republik aus dem Mund Ernst Reuters die Stimme des blockierten Berlins vernehmen ließ: „Völker der Welt schaut auf Berlin! Und Volk von Berlin, sei dessen gewiß, diesen Kampf, den wollen, diesen Kampf, den werden wir gewinnen!“

Welche Ausstrahlungskraft ging aus von diesem Mann, der an anderer Stelle ausrief: „Dann wird eines Tages zu uns kommen der Tag des Sieges, der Tag der Freiheit, an dem die Welt erkennen wird, daß dieses deutsche Volk neu geworden ist, gewandelt und neu gewachsen, ein freies, mündiges, stolzes, seiner Kraft und seines Wertes bewußtes Volk, das im Bund freier Völker ein Recht hat, ein Wort mitzusprechen.“ Mag für die Ohren der Heutigen viel Pathos in dieser Sprache mitklingen – es war eine Sprache, die Kraft gab, die gemeinsames Schicksal und gemeinsamen Willen formulierte, eine Sprache, die von Berlin aus für Deutschland sprach.