Nach zehn Monaten ist Heinrich Albertz gescheitert Muß Berlin jetzt personellen und ideellen Konkurs anmelden?

Von Kai Hermann

Berlin‚ Ende September Am Dienstagmittag fällte Heinrich Albertz seinen letzten einsamen Entschluß als Regierender Bürgermeister. Er diktierte einen Brief an den Parlamentspräsidenten Sickert: „Gemäß Artikel 41, Absatz 4, der Verfassung erkläre ich hiermit meinen Rücktritt.“ Die letzten Getreuen im Rathaus Schöneberg hatten ihm eindringlich zu diesem Schreiben geraten.

Sie glaubten, Albertz durch einen taktischen Geniestreich doch noch vor den Messern der Diadochen zu retten. Der Regierende sollte dem drohenden Mißtrauensantrag in einer Sitzung von Fraktion und Landesvorstand zuvorkommen. Er sollte sich von dem bevorstehenden Landesparteitag – unter sehr viel günstigeren Mehrheitsverhältnissen als in der Fraktion – noch einmal nominieren lassen. Doch als Heinrich Albertz den Rücktritt geschrieben hatte, schien er des Kampfes müde und erleichtert zugleich. Auch bei seinen Freunden schwand die Hoffnung auf das Comeback des Mannes, dem zum politischen Kämpfer fast alles fehlt.

Dem Sturz des Regierenden ging eine Auseinandersetzung in der Berliner SPD voraus, die ohne Beispiel in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie ist. Ein erbarmungsloser Schlagabtausch – in der Selbstzerfleischung kannte die Partei kein Mitleid mit sich selbst. Der radikale linke Flügel, der sich vor einigen Jahren seine Position ebenfalls mit sehr robusten Mitteln erkämpfte, war mittlerweile zu einer Stütze der von Albertz vertretenen Politik geworden. Dafür hatte sich eine sehr viel radikalere rechte Fraktion gebildet, die um ihrer persönlichen und sachlichen Ziele willen nicht davor zurückschreckte, die Partei in ein totales Chaos zu stürzen.

Eine Gruppe junger, smarter Parteifunktionäre führte im Bündnis mit dem Landesvorsitzenden Kurt Mattick, dem Sozialsenator Neubauer und einigen Abgeordneten den Guerillakrieg gegen die Albertz-Mannschaft. Sie kämpfte mit allen Mitteln darum, das Terrain zurückzugewinnen, das die konservative Rechte schon unter Brandt verloren hatte: mit gezielten Indiskretionen, gezielten Dementis, offensichtlichen Diffamierungen von Parteifreunden und mit Kaderarbeit in den unteren Parteigremien.

„Wer nicht spurt, wird rasiert“, verkündete einer der Frondeure als Devise. Einer der von den Heckenschützen getroffenen Senatoren reagierte: „Kalte Mörder.“ In der Umgebung von Albertz spricht man offen von einer „Mafia“ und von „SA-Methoden“.