Der vierte Prozeß soll die Bluttat von Oberreitnau aufklären

Von Gerhard Bartels

Augsburg

Am 16. Juli 1947, kurz vor 11 Uhr, kam der Polizist Josef Rietzler in das ramponierte Anwesen Nr. 3 1/2 in dem kleinen Dorf Oberreitnau im Kreis Lindau am Bodensee. Nachbarn hatten ihn alarmiert. In der Küche bot sich ihm ein grausamer Anblick: auf dem zerschlissenen Sofa lagen die 24jährige Maria Lettenbauer und deren zweijähriger Sohn Arthur mit eingeschlagenen Schädeln. Auf dem Boden waren Blutlachen zu sehen.

Bald waren auch Kriminalbeamte zur Stelle. Sie verhörten sogleich den Vater der erschlagenen Maria, den 64jährigen Rentner Johann Lettenbauer, der ihnen einen ruhigen und daher verdächtigen Eindruck machte. Als sie ein Hemd von Lettenbauer entdeckten mit Blutspuren, schien ihnen alles ziemlich klar zu sein. Die Beteuerungen des Rentners, er habe das Kind auf dem Fußboden gefunden und auf das Sofa gelegt und dabei sei wohl Blut an sein Hemd gekommen, nützten ihm nichts. Der alte Mann wurde in Haft genommen.

Bis zum 23. Juli 1947 sagte der Rentner immer wieder: „Ich habe das nicht gemacht.“ Aber dann nahm ihn der Kriminalrat aus Ravensburg in die Zange. Und noch am gleichen Tag verfaßte der Beamte eine „zusammenfassende Vernehmungsniederschrift“, in der ein minutiöses Geständnis Lettenbauers enthalten war. Es kam zu den Akten. Dem Staatsanwalt Ludwig Fink erschien es „vollkommen“, obwohl ihm bald ein Gutachten des Pathologischen Instituts der Universität Tübingen vorlag, wonach sich die Tat gar nicht so abgespielt haben konnte, wie sie in dem Geständnis geschildert war. „Gott ist mein Zeuge, daß ich unschuldig bin“, sagte Lettenbauer vor Gericht. Doch am 27. November 1947 wurde er des Mordes an seiner Tochter und seinem Enkel für schuldig befunden und zu zehn Jahren Zuchthaus und anschließende Einweisung in eine Heil- und Pflegeanstalt verurteilt. Die damals noch mögliche Todesstrafe blieb Lettenbauer erspart wegen seelischer Anomalie und fortgeschrittener Arteriosklerose.

Um diese Zeit befand sich der damals 19jährige Fremdenlegionär Nr. 50 440, Manfred Jung aus Hausen (Siegkreis), auf dem Weg von Frankreich nach Nordafrika. Bald durfte er sich in Indochina schlagen. Ein ehemaliger Kumpan von ihm namens Wilhelm Schwall war unterdessen in Deutschland wegen verschiedener Einbrüche verurteilt. Noch brachte niemand Jung und Schwall in Zusammenhang mit den Geschehnissen in Oberreitnau. Das geschah erst am 9. Januar 1950: Die Kriminalpolizei von Eitorf an der Sieg hatte einen Tip bekommen, wonach Jung und Schwall der Bluttat vom Bodensee verdächtig seien. Sogleich wurde eine Anfrage nach Lindau geschickt, die am 1. Februar 1950 zuständigkeitshalber von der Kriminalpolizei Ravensburg beantwortet wurde: „Die von dort in Verdacht Gezogenen scheiden als Täter bestimmt aus“. Der Täter Johann Lettenbauer habe ein umfassendes Geständnis abgelegt.