Die europäischen NATO-Verbündeten haben mit erstaunlicher Zurückhaltung auf die amerikanische Absicht reagiert, nun doch ein Raketen-Abwehrsystem zu errichten – ausgenommen die britische Regierung, die ihrer Verbitterung freien Lauf gelassen hat.

Obwohl momentan noch kein Anlaß besteht, schon das Ende der rüstungspolitischen Stabilität zwischen Ost und West, der Grundlage der Friedenssicherung, gekommen zu sehen und finstere Prognosen über die künftige europäische Sicherheit anzustellen, werden Bonn und seine Verbündeten doch alle denkbaren außenpolitischen und militärischen Konsequenzen der Kehrtwendung Washingtons durchdenken müssen.

Amerika plant nur ein bescheidenes Raketen-Abwehrsystem, das primär gegen China und nicht gegen die Sowjetunion gerichtet ist. Doch ändert das wenig an der fundamentalen Bedeutung des amerikanischen Beschlusses; denn nach den Sowjetrussen haben nun auch die Vereinigten Staaten die Schwelle zu einer neuen Epoche in der Nuklearstrategie überschritten. Die Gefahr eines neuen Rüstungswettlaufs von gigantischen Ausmaßen ist ebensowenig auszuschließen wie die Rückkehr der Supermächte von der Kooperation zur Konfrontation.

Auf der Konferenz der sechs Verteidigungsminister in der atomaren Planungsgruppe der NATO, die an diesem Wochenende in Ankara stattfindet und an der auch eine deutsche Delegation teilnimmt, sollen die Verbündeten im einzelnen hören, was Präsident Johnson zur abrupten Preisgabe seiner bisherigen Politik bewogen hat – sofern dabei noch anderes eine Rolle gespielt hat als der immer mächtiger werdende innenpolitische Druck, dem Johnson sich angesichts der herannahenden Präsidentenwahl schließlich gebeugt hat. Da die Errichtung von ABM-Systemen schon lange auf die Tagesordnung dieser Konferenz gesetzt worden ist, werden auch einige von Militärs ausgearbeitete Planskizzen für die Raketenabwehr in Europa diskutiert werden.

Aber die Militärs werden den Politikern nur technische Denkhilfen geben können. Denn die europäischen Politiker können gegenwärtig eher die möglichen Folgen der ABM-Entscheidung beschreiben, als praktische Konsequenzen ziehen und eigene Beiträge für die europäische Verteidigung anregen. Doch läßt sich heute schon sagen: Das Verlangen in Europa und gerade in der besonders dicht besiedelten Bundesrepublik nach dem gleichen Schutz, wie ihn die USA aufbauen, wird zwangsläufig auf Schwierigkeiten stoßen.

1. Eine Raketenabwehr auf nationaler Basis wäre sinnlos. Ein übernationales System setzt einen politischen Zusammenschluß voraus: entweder eine europäische Föderation oder eine multilaterale atomare Raketenabwehr-Organisation, ähnlich dem früheren Projekt der Polarisflotte (MLF). Die Erfahrungen der letzten Jahre lassen beide Lösungen aussichtslos erscheinen.

2. Der finanzielle Aufwand für ein ABM-System ginge weit über die wirtschaftliche Leistungskraft der Europäer hinaus. McNamara schätzt die Ausgaben für ein ABM-System in Amerika auf 80 Milliarden Mark. Ähnlich hoch liegen die Kosten für das ergänzende Schutzraumprogramm. Der Schutz für Europa wäre fast ebenso kostspielig.