Von Carola Stern

Babette Gross: Willi Münzenberg. Eine politische Biographie. Mit einem Vorwort von Arthur Koestler. "Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte". Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart. 352 Seiten. Paperback 19,60 DM, Leinen 24,– DM

Rätsel und Geheimnisse umgeben den Tod Willi Münzenbergs; sie umwitterten bisher auch sein Leben. In der NS-Publizistik geisterte er als ein atemberaubender internationaler Drahtzieher der Kommunisten, als die rote Eminenz hinter fast allen ihren Unternehmungen, ein Cagliostro, ein Bürgerschreck par excellence; in den Geschichtsbüchern der KP kein Wort über den Mann. Dabei erinnern sich Scharen alter Kommunisten, fortschrittsgläubiger Intellektueller und Bürger an ihn als eine der faszinierendsten Gestalten der Weimarer Zeit, an ein Genie der Organisation und Propaganda, an einen unwiderstehlichen politischen Verführer, den man, wie Ludwig Marcuse in seinem Zwanzigsten Jahrhundert beschreibt, bewunderte, mit dem man sich rasch befreundete und den man doch nicht kannte. Jetzt hat Babette Gross, Münzenbergs Lebensgefährtin, die Biographie dieses bekannten Unbekannten geschrieben.

Ein großer amerikanischer Biograph gab einmal einem jungen Mann, der über die Voraussetzungen der exzellenten Lebensbeschreibung sinnierte, den grotesk-makabren R?t: "Eins vor allem: Ermorden Sie die Witwe!" Ach ja, wer wüßte nicht, was Witwen (und Schwestern) durch Verschweigen, Verfälschen, Verschwindenlassen in der Weltgeschichte angerichtet haben! Nicht so Babette Gross, sie gehört zu den nicht hoch genug zu rühmenden Ausnahmen. Was sie uns vorlegt, das ist eine ungemein seriöse Biographie. Die Autorin gewinnt schnell Vertrauen durch Redlichkeit, durch eine Sachlichkeit, die sie nicht davor zurückschrecken läßt, den Helden, seine Unternehmen, seine Schriften, seine Reden mit den Tatsachen zu konfrontieren und die Dinge freundlich-wohlwollend zurechtzurücken. Das ist eine Biographie,, bestehend vor allem auch durch eine in den Proportionen großartig gelungene Zeichnung der historischen Umstände.

Die Bühnenbilder dieses Lebens wechseln rasch. Ein Biograph Münzenbergs muß sich auskennen in der Schweizer anarchistischen und sozialistischen Jugendbewegung vor 1914, in welcher der junge mittellose Arbeiter aus Thüringen seine Talente entdeckte und durch die er schon während des Ersten Weltkriegs Verbindung zu Trotzki, Lenin und der bolschewistischen Emigration fand. Ein Biograph Münzenbergs muß vertraut sein mit der turbulenten Geschichte des deutschen und russischen Kommunismsus, der Komintern und ihres weitverzweigten Apparats in den zwanziger und dreißiger Jahren; er muß die Tatsachen, aber auch die Atmosphäre der Weimarer Republik und des jungen Sowjetstaats kennen, das Schicksal der deutschen Emigration in Westeuropa und der Sowjetunion. Ich habe nur wenige Lebensbeschreibungen gelesen, in denen die Zeitgeschichte so richtig bemessen ihren Platz gefunden hat.

Berlin–Moskau–Paris – hauptsächlich in diesen drei Weltstädten lief jene große Show ab, die Münzenberg in den zwanziger und dreißiger Jahren für den Kommunismus inszenierte, Finanzier, Produzent, Regisseur, oft dazu auch noch Artist und Schauspieler in einem. Schon als ihm der Moskauer Apparat bald nach Gründung der Komintern sein Werk, die kommunistische Jugendinternationale, seine erste Organisation, aus den Händen ringt, werden Phänomene sichtbar, die sich bis zum Tod Münzenbergs im Sommer 1940 wiederholen: Kaum hat der Mann eine neue Organisation, ein neues Komitee, eine neue Bewegung – sei es die Internationale Arbeiterhilfe, sei es den großen Propagandakonzern, sei es die einfallsreiche antifaschistische Offensive im Zeichen der Volksfront – buchstäblich aus dem Boden gestampft, greift Moskau zu und zwängt die für seine eigene Sache so aussichtsreichen Unternehmen unter die Kontrolle von Bürokraten, in das Linienkorsett und schnürt den großen Atem wieder ab.

Unverdrossen hat Münzenberg bis in die dreißiger Jahre hinein als Organisator internationaler Kongresse, als Gründer von Zeitungen, Zeitschriften, Buchverlagen und Buchgemeinschaften, Filmgesellschaften usw. eine wunderschöne Fata Morgana vom "ersten sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat", vom Paradies Sowjetunion in die Luft gezaubert – und dies alles mit den modernsten Werbemethoden westeuropäischen und amerikanischen Stils. Aber den ex-revolutionären Hinterwäldlern in Rußland blieb ihr bester Propagandist fremd, unheimlich. Der Mann war zu selbstständig, hatte zu viele eigene Ideen, war auch noch originell – Moskau brach mit Münzenberg, noch bevor dieser zu der für ihn so folgenschweren Einsicht fand, mit Moskau zu brechen.