London, im September in 63 Jahre alter englischer Ornithologe und der 61jährige Direktor der ostenglischen Eisenbahnen haben am selben Tag eine geharnischte Kritik an der britischen Verwaltung publiziert, und beide haben aus interner Kenntnis der Zustände an der Spitze bestätigt, was die Bürger bei den Nachwahlen wenige Tage zuvor aus ihrer Sicht an der Regierung auszusetzen hatten. Der Amateur-Vogelkundler Edward Max Nicolson war freilich in den 40er und 50er Jahren ein prominenter Berater mehrerer englischer Kabinette, unter anderem für Fragen der wirtschaftlichen Planung. Sein Buch „The System“, Untertitel „The mismanagement of modern Britain“ trägt einen provozierenden schwarzen Umschlag und ist auch im Inhalt auf Moll gestimmt.

Die hohe Bürokratie in Whitehall habe, so lautet seine These, den Kontakt mit den Tatsachen und mit dem Volk und das Gefühl für die Zukunftsaufgaben verloren. Zwar seien auch das Kabinett in seiner Schwerfälligkeit und das „veraltete und hilflose“ Unterhaus nicht unschuldig an der Misere, aber das Erzübel sei die Administration als ein unbewegliches Ganzes, das seit der viktorianischen Zeit nicht mehr der jeweiligen Gegenwart angepaßt worden sei. Als den Herd der Reaktion bezeichnet er die allmächtig-monolithische Treasury, das Finanzministerium. Wie aufmerksam dieses Buch schon am Tage seines Erscheinens gelesen wurde, bewies am Abend der Premierminister, der es in einem Fernsehinterview für angebracht hielt, Callaghan und seine Mitarbeiter gegen Kritik zu schützen.

Mit einem Spezialthema, der Eisenbahnverwaltung, befaßt sich Gerard Fiennes Buch „I tried to run a railway“, eine Autobiographie. Auszüge daraus erbosten die oberste Eisenbahnbehörde derart, daß man den Verfasser aufforderte, seinen Rücktritt einzureichen – was er prompt getan hat. Da die Unruhe unter den Bahnangestellten und -arbeitern zunimmt, kam Fiennes Auseinandersetzung mit dem Dilettantismus und der Finanzgebarung bei British Railways wie gerufen.

Der Unmut mit der Führung des Landes hat also einen solchen Grad erreicht, daß selbst diese beiden Männer, durch ihr (früheres oder jetziges) Beamtenverhältnis zu Loyalität und Verschwiegenheit verpflichtet, nicht hinterm Berge halten wollen. Die Nation lebt nun schon zu lange von Versprechungen, denen eine konträre Praxis folgt. Der Vertrauensvorschuß, den jede neue Administration zunächst mitbekommt, ist vor drei Jahren auch Labour gewährt worden. Man hat ihn in der 66er Wahl erneuert und sogar erweitert, weil niemand ein Kabinett auf schwacher Parlamentsbasis wollte. Jetzt, nach anderthalb Jahren ist der Vorschuß bis auf den letzten Penny verbraucht. Das Gefühl, wieder einem Winter wie 1961 auf 1962 entgegenzugehen und in der Zwischenzeit nicht weitergekommen zu sein, ist allgemein verbreitet ...

Was die Rezession unter Wilson und Callaghan von der Macmillans und Selwyn Lloyds unterscheidet, ist jedoch die parteipolitische Perspektive. Damals begannen sich die Wähler darauf einzustellen, daß man eben nach zehn Janren Tory-Herrschaft die Opposition zurückrufen müsse. Von einem Umkehrschluß kann gegenwärtig keine Rede sein. Die Konservativen sind erst drei Jahre aus dem Amt, und ihre stop-gostop-Administration ist noch in zu frischer Erinnerung, als daß man sich schon wieder der Täuschung hingeben könnte, sie würden es besser machen als Labour.

Es frißt sich im Volk ein Mißbehagen an der ganzen politischen Struktur ein. Während der Beliebtheitsschwund Macmillans zugleich den Aufstieg Harold Wilsons als Alternative bedeutete, hat jetzt bei nachlassender Popularität des Premierministers keineswegs Oppositionsführer Heath den Profit davon. Seine Kurve ist eher stärker gefallen als die Wilsons. Während die Befragten sagen, daß sie – gäbe es morgen allgemeine Unterhauswahlen – mehr für die Tories als für Labour stimmen würden, ist ihnen immer noch Harold Wilsons Amtsführung sympathischer (zufrieden: 47 Prozent) als Heaths Wirken auf dem Posten des Oppositionsführers (zufrieden: 35 Prozent). Da alle Unterhauswahlen vor allem die Frage nach dem Mann an der Spitze stellen, kann sich Wilson über seine Nachwahlverluste hinwegtrösten mit der Hoffnung, im entscheidenden Rennen den blassen Nebenbuhler doch auf die Plätze verweisen zu können.

Denn sowohl im Wahlkreis Walthamstow West (Arbeiterschaft und untere Mittelklasse, leicht überalterte Wählerschaft) wie auch in Cambridge (Intelligenz, Facharbeiterschaft, jüngeres Durchschnittsalter) war es die Stimmenthaltung der Labouranhänger, die den Ausschlag gab, nicht ein spürbarer Zuwachs der Tories. Diese hielten ihre Stimmen im Vergleich zur 66er Wahl; bei der geringeren Beteiligung könnte dies freilich auf einen möglichen Anstieg hindeuten. Andererseits hatten die konservativen Anhänger weniger Grund wegzubleiben als die enttäuschten Sozialisten. So lassen sich auch diese Resultate wie alle Nachwahlergebnisse drehen und wenden. Selbst die Liberalen konnten sich zu ihrem Parteitag kein besseres Abschneiden als in Walthamstow und kein schlechteres als in Cambridge denken.