Seit 1. September sind Deutschlands stabilste Preise, die Lebensversicherungsprämien, in Bewegung geraten. Den Anfang zur Prämiensenkung machten die Vita-Lebensversicherungs-Aktiengesellschaft und die Allianz, deren Beitragstabellen künftig je nach Eintrittsalter und Vertragslaufzeit von 2 bis 8 Prozent niedrigere Prämien ausweisen als früher. Die anderen Gesellschaften werden mit großer Wahrscheinlichkeit folgen, wenn das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungs- und Bausparwesen seinen Segen dazu gegeben hat.

Der Zeitpunkt für diese Preisbewegung nach unten ist günstig gewählt. Denn zum 1. Januar 1968 erwartet man die Aufhebung der Versicherungspflichtgrenze für Angestellte, die jetzt bei einem Gehalt von 1800 Mark im Monat liegt. Die Prämiensenkung der Lebensversicherer soll nun vielen in Frage kommenden Angestellten den Entschluß leichter machen, sich von der kommenden Versicherungspflicht befreien zu lassen. Und dieses „Befreiungsgeschäft“ – so rechnen die Versicherungsgesellschaften – wird dann ein gutes Neugeschäftsergebnis für 1967 sicherstellen.

Tatsächlich ist eine Stimulierung des Lebensversicherungsgeschäftes in diesem Jahr notwendiger denn je. Denn mit dem Jahr 1965 scheinen die ausgesprochen „fetten“ Jahre der Lebensversicherung zu Ende gegangen zu sein. Das Neugeschäft 1966 erreichte nämlich mit 25 Milliarden Mark Versicherungssumme nur noch knapp das Ergebnis von 1965, wenn man dabei auch berücksichtigen muß, daß der hohe Anteil der Befreiungsversicherungen das Neugeschäft 1965 maßgeblich bestimmte. Schon damals, als die Versicherungspflichtgrenze auf 1800 Mark heraufgesetzt wurde, gab es diese Möglichkeit; Alle Angestellten mit einem Monatsverdienst zwischen 1250 und 1800 Mark waren davon betroffen. 100 000 entschieden sich 1965 für die Lebensversicherung. Die Lebensversicherer mußten dann 1966 zum erstenmal nach der Währungsreform einen Rückgang bei der Versicherungssumme von 1,1 Prozent hinnehmen. Es liegt auf der Hand, daß jetzt nach Wegen gesucht wurde, das Ergebnis des Jahres 1967 wieder etwas freundlicher zu gestalten. Man kann sicher sein, daß das den Lebensversicherern auch gelingt.

Schon ist der Gong zur ersten Runde ertönt. Alle 99 Lebensversicherungsunternehmen in der Bundesrepublik rühren bereits kräftig die Werbetrommel. Aber noch kann das große Heer der Versicherungsvertreter nicht voll in Aktion treten. Denn das die Aufhebung der Versicherungspflichtgrenze enthaltende sogenannte Finanzänderungsgesetz 1967 hat die parlamentarischen Hürden noch nicht genommen. Es sieht vor, daß 1968 der Beitragssatz in der gesetzlichen Rentenversicherung von 14 auf 15 Prozent des Gehaltes angehoben werden soll, wobei 1969 und 1970 weitere Erhöhungen geplant sind. Man rechnet damit, daß der bisherige Höchstbeitrag von 196 Mark monatlich 1971 um 56,1 Prozent auf 306 Mark ansteigen wird.

Als Stichtag für die Aufhebung der Versicherungspflichtgrenze ist der 1. Januar 1968 vorgesehen. Dabei sollen die Befreiungsvorschriften aus dem Jahr 1965 übernommen werden. Das würde bedeuten, daß alle in Frage kommenden Angestellten, die bis zum 1. 1. 1968 das 50. Lebensjahr vollendet haben, Antrag auf Befreiung von der Versicherungspflicht stellen können. Außerdem kann sich befreien lassen, wer eine Todes- und Erlebensfall-Versicherung mit dem Endalter 65 Jahre und einem Mindestbeitrag von 225 Mark nachweisen kann.

Mit der Verabschiedung dieses Gesetzes durch den Bundestag im Herbst ertönt der Gong zur zweiten Runde für das Befreiungsgeschäft. Dann werden die Generalstäbler in den Verwaltungen der Versicherungsunternehmen ihre Pläne aus der Schublade ziehen und die Aktion „hochverdienende Angestellte“ anlaufen lassen. Der Kreis, um den es geht, umfaßt 350 000 Personen. Das Bundesarbeitsministerium erwartet, daß in großer Zahl die Sozialversicherung gewählt wird; die Lebensversicherer streben dagegen die Befreiung an. Doch wohin die Entscheidungen der 350 000 fallen und wessen Rechnung aufgehen wird, vermag heute noch niemand zu sagen. Dabei hat die Sozialversicherung zunächst einen psychologischen Vorteil. Denn wer sich nicht um diesen Komplex kümmert, wird automatisch versicherungspflichtig. Vielen wird es so ergehen. Denn das Beharrungsvermögen hat sich schon oft stärker als Initiative erwiesen.

Das wissen natürlich auch die Lebensversicherer. Schon wird der Kreis der 350 000 von ihnen angeschrieben, antelephoniert oder angesprochen. Formulare sind in Vorbereitung, bei denen der Betreffende nur noch zu unterschreiben braucht. Alles andere, wie Antragstellung auf Befreiung und natürlich Abschluß der Kapitalversicherung wird von der Versicherungsgesellschaft erledigt. Manchmal wird sogar der Umweg über den Arbeitgeber gesucht. Wie von den Personalabteilungen einiger Unternehmen zu erfahren ist, häufen sich jetzt die Kontaktbesuche der Versicherungsgesellschaften. Dabei wird empfohlen, die in Frage kommenden Angestellten mit Rundschreiben auf die Vorzüge einer Befreiungsversicherung hinzuweisen oder – noch bequemer – die Adressen dieses Kreises einfach zu übergeben.