Zur Vorgeschichte des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses

Von Gerhard Gründler und Arnim von Manikowsky

Der Ehrengast aus Moskau erhebt sein Glas. Andrej Wyschinski, stellvertretender Außenminister der Sowjetunion, bittet Gastgeber und Gäste, mit ihm zu trinken: „Auf die Verurteilung und Hinrichtung aller Angeklagten!“

Wyschinski ist nach Deutschland gekommen, um sich anzusehen, wie den überlebenden Machthabern, Ministern und Militärs des zerschlagenen Großdeutschen Reiches der Prozeß gemacht wird. Ihm zu Ehren gibt Robert H. Jackson, der amerikanische Hauptankläger beim Internationalen Militär-Tribunal, am 30. November des Jahres 1945 im Nürnberger Grand Hotel ein Abendessen mit einer gewaltigen Speisenfolge, viel Wodka, Kognak, Champagner – und 25 Trinksprüchen. Alle acht Mitglieder des Gerichtshofs, darunter der Vorsitzende, Lordrichter Geoffrey Lawrence aus England, und die wichtigsten Ankläger sind Jacksons Einladung gefolgt. Der Prozeß hat vor zehn Tagen begonnen.

Wyschinskis düsterer Trinkspruch wird zunächst nicht verstanden. Der Russe redet sehr schnell, spricht vom Wodka, der ein Feind des Menschen sei und deshalb vertilgt werden müsse. Der Dolmetscher kann kaum folgen. Die Gäste nippen an ihren Gläsern. Als aber allen klar wird, worauf Wyschinski mit ihnen trinken will, da sagt der stellvertretende amerikanische Richter John J. Parker leise zu dem neben ihm stehenden US-Ankläger Robert Storey: „Solange ich die Beweise nicht kenne, trinke ich nicht auf die Verurteilung eines Menschen, mag er auch noch so schuldig sein.“

Böse Erinnerungen werden wach. Während der blutigen Moskauer Säuberungsaktionen war der damalige Generalstaatsanwalt Wyschinski als Stalins Spezialist für Schauprozesse und „freiwillige“ Geständnisse hervorgetreten. Die meisten Richter und Ankläger aus dem westalliierten Lager wollen gegen die gefangenen deutschen Führer keinen Schauprozeß nach Moskauer Art führen, bei dem die Urteile schon vorher feststehen. Ohnehin sitzen im zerstörten Nürnberg, in der Stadt, in der einst Hitler seine Reichsparteitage abhielt, Sieger über Besiegte zu Gericht.

Richter Parker läßt der Vorfall keine Ruhe. Noch in der Nacht spricht er mit seinem amerikanischen Kollegen Francis Biddle. Der will ihn beruhigen: Es werde ja nichts an die Öffentlichkeit dringen; das ganze sei eine Trivialität, die man morgen schon vergessen haben werde; entscheidend sei doch, wie man als Richter den Angeklagten gegenüberstehe.