Von Mario Devena

MARIO DEVENA: „Die Gleichgültigen Ihr erster, im Jahre 1929 erschienener Roman, ist eine schonungslose Kritik der Gesellschaft jener Zeit. Mit diesem Roman erhielten Sie mit einem Schlag einen Platz in den ersten Reihen der Literatur. Wie kam es, daß dieses Buch genau von der Gesellschaft akzeptiert wurde, die Sie anfochten?

ALBERTO MORAVIA: „Die Gleichgültigen“ wurden zunächst von drei Verlegern zurückgewiesen, und zwar vor allem aus Unverständnis für den möglichen Wert dieses Buches. Ich weiß nicht, welchen Wert es haben kann, jedenfalls wurde es abgelehnt. Der vierte Verleger endlich war zur Veröffentlichung bereit, allerdings auf meine Kosten. Die Kritiken waren dann verhältnismäßig vorteilhaft, aber es waren eher sozusagen Skandalkritiken als wirkliche Kritiken. „Die Gleichgültigen“ stellten einen Sexualskandal dar – das Warum scheint heute etwas unverständlich, denn es handelte sich um einen völlig keuschen Roman. Im großen und ganzen hatte man nicht das geringste verstanden!

Vom Staat wurde das Buch ganz und gar nicht akzeptiert. Der Bruder Mussolinis, Arnaldo Mussolini, griff mich auf das heftigste an, indem er mich als den Verneiner jeglicher menschlichen Werte definierte. Das Kuriose dabei war, daß Arnaldo Mussolini der Besitzer des Verlags war, in dem „Die Gleichgültigen“ erschienen! Als der Faschismus dann den Erfolg des Buches bemerkte – im übrigen ein sehr relativer Erfolg, nämlich kaum fünf Auflagen zu je tausend Exemplaren – verbot er den weiteren Druck. Es wurde also absolut nicht akzeptiert, außer eben von jenem engen Kreis der italienischen Gesellschaft, der gegen das Regime und den Stand der Dinge von damals war. Der weitaus größere Teil der Gesellschaft hingegen zeigte genau in jenen Jahren mit dem Finger auf mich als auf ein gefährliches Individuum. Man brachte mir tiefe Antipathie entgegen.

Hält diese Antipathie immer noch an?

MORAVIA: Vielleicht ja, aber sie gründet sich auf andere Elemente, auf Motive, die eine gesonderte Erörterung verdienten.

Sie haben von einer Kontinuität vom ersten bis zum letzten Ihrer Werke gesprochen. Rührt sie daher, daß ein Schriftsteller in seinem Leben „ein einziges Buch mit vielen Gesichtern“ schreibt, oder daß Sie Ihre Haltung der Gesellschaft gegenüber nicht geändert haben beziehungsweise diese Gesellschaft sich nicht geändert hat?