Hamburg

Wie notwendig die Reise in die klassischen Hallen der Kriminalistik war, erfuhr Hamburgs Polizeipräsident Jürgen Frenzel erst bei der Rückkehr von einem Besuch bei Scotland Yard: In seinem eigenen Hause waren zwei Filmspulen, die von der Polizei während der Demonstrationen beim Schahbesuch über ein Fern-Auge der Verkehrsüberwachung auf Ampexstreifen mitgeschnitten worden waren, dreieinhalb Monate der Staatsanwaltschaft vorenthalten worden.

Bereits am 28. August wurde von Seiten der Studenten, vertreten durch den AStA der Hamburger Universität, auf die Existenz der Filmspulen hingewiesen. Der stellvertretende Polizeipräsident, Hermann Rauschning, wußte dagegen genau: „Ein Märchen. Solche Geräte haben wir gar nicht.“ Wenig später mußte sich der Kriminalist berichtigen: Gerade zum Zweck des Mitschneidens waren „solche Geräte“ eigens geliehen worden. Dann: Die Aufnahmen sind von „so schlechter Qualität“. Nur einige „weiße Polizeimützen und schwarze Fahnen“ seien auf dem „völlig verregneten Streifen“ zu sehen, wurde harmlos versichert und entschuldigt. Schwarze Fahnen auf einem „völlig verregneten Streifen“? Die Qualität besitzt eben überall eigene Maßstäbe. Daß außerdem die Staatsanwaltschaft über die Qualität von Beweismitteln befindet, ist ein anderes Blatt.

Die Studenten vermuten jedoch, daß noch andere Dinge auf dem Streifen zu sehen sind. Nach Auskunft des Staatsrates bei der Innenbehörde, Johannes Birckholtz, hätte der 58jährige Kommandeur der Schutzpolizei, Martin Leddin, „eigentlich von dem Streifen wissen müssen“. Gegen Leddin wird aber von der Staatsanwaltschaft ermittelt. Zwar wurde das Verfahren wegen Körperverletzung – trotz der in einer AStA-Dokumentation öffentlich bekundeten Zeugenaussagen der Studenten – eingestellt, da sich die Anschuldigungen als „unbegründet erwiesen haben“. Leddin soll sogar Strafantrag wegen falscher Anschuldigung gestellt haben. Gegen ihn wird aber – wenn man den sich widersprechenden Äußerungen der Justizbehörde Glauben schenken darf – nun doch noch weiter ermittelt. Woher die Meldung von der Einstellung der Verfahren stammt, läßt sich nicht mehr genau feststellen.

Im Polizeipräsidium wird jetzt geforscht, wer die Film-Konserven zurückgehalten hat. Denn eins der Geräte wurde auf dem Rathausmarkt stationiert, dem Ort, an dem Leddin geschlagen haben soll. Zur Vorsicht verhängte die Justizbehörde erst schnell eine Nachrichtensperre über die Vorgänge.

Merke: Wer schweigt, kann schlecht etwas Falsches sagen. Joachim Wegener