Von Wolfram Siebeck

Die Lehren von Marx, Mao und Herbert Marcuse sind markante Beispiele für die Macht des Wortes. Ohne die Veröffentlichungen dieser Autoren hätte es die letzten Revolutionen wahrscheinlich nicht gegeben. Anläßlich der herbstlichen Bücherschwemme drängt sich deshalb die Frage auf, ob nicht unter der Menge des in diesem Jahr bedruckten Papiers wieder eine Revolution ausgebrütet werde. Ich bin sicher, daß sie es wird.

Ein Blick in „Grzimeks Tierleben zeigt uns, was sogar noch revolutionärer sein kann als das Wort: das Vorwort. Denn dort fordert der schreibende Zoodirektor nicht mehr und nicht weniger als die Gleichberechtigung der Tiere. Das schreibt er zwar für uns, seine Artgenossen; aber der verführerische Text braucht nur einem klugen Pferd in die Hände zu fallen, oder ein unvorsichtiges Frauchen liest ihn ihrem Pudel vor – er versteht ja jedes Wort, das sie sagt –, und schon dringt Grzimeks Gedankengut in die Tierwelt ein, breitet sich aus wie die Myxomatose, und wir haben die schönste Revolution!

Bei Grzimek sind die Tiere keine Tiere mehr, sondern unsere Brüder aus dem Tierreich. Dieses Tierreich wiederum scheint eher ein Institut für feinere Umgangsformen zu sein, da sich Grzimeks Brüder und Schwestern darin nicht mehr tierisch sondern tierlich verhalten. Daß wir sie noch mit Wörtern wie fressen und saufen herabwürdigen, hält der Zoodirektor für eine Affenschande. Künftig also kostet der Löwe vom Lamm, degustiert das Krokodil den Missionar – und zum Nachtisch lassen sie sich ein Viertel Nilwasser munden.

Nun gut, sollen sie. Was aber wird geschehen, wenn die Tiere, durch solche Konzessionen ermutigt, größere Forderungen stellen? Die Slumbewohner (das diskriminierende Wort Zoo muß natürlich verschwinden) werden menschenwürdige Behausungen beanspruchen. Die Dackel haben in dieser Hinsicht ja bereits einiges erreicht. Aber in Zukunft wollen sie am Fußende schlafen, nicht weil sie es dürfen, sondern weil sie ein Recht darauf haben. Und dann ist auch Schluß mit den Blechnäpfen, aus denen bisher geschlabbert wurde. Jetzt wird anständig von Porzellan gegessen, am gedeckten Tisch, versteht sich. Und keine Rassentrennung mehr in den Restaurants!

Eine Bezeichnung wie Rumpsteak auf der Speisekarte wird allerdings den Bruder Ochse verständlicherweise verletzten. Gastwirte werden, sich da etwas Neues ausdenken müssen. Denn mag auch der Fuchs sich nicht an der Ente à l’orange stören, der Enterich wird diese unzumutbare Roheit nicht gelassen hinnehmen, wenn er Froschschenkel sucht und dabei auf die verblichene Gattin stößt.

Sicherlich wird es konservative Kreise geben, die sich einer so stürmischen Emanzipation unserer tierlichen Brüder widersetzen. Es hängt jedoch von unserer Besonnenheit ab, ob sich die Revolutionäre friedlich in unsere Gemeinschaft integrieren lassen oder ob ihre jahrhundertelange Unterdrückung umschlägt in blutige Ausschreitung. Daß diese sich zuerst gegen die Kerkermeister unserer Brüder und Schwestern richten würden, gegen die Zoodirektoren, ist mehr als wahrscheinlich.

Es wäre nicht das erste Mal, daß die Revolution ihre Väter frißt.