Dein Sozialismus bleibt in Ost und West noch einiges zu tun übrig

Von Isaac Deutscher

Hat die russische Revolution die Hoffnungen erfüllt, die sie erweckt hat? Und worin liegt ihre Bedeutung für unsere Epoche und Generation? Ich wünschte, ich könnte die erste dieser Fragen mit einem einfachen und nachdrücklichen Ja beantworten und meine Bemerkungen mit einer ordentlichen triumphalen Geste beenden. Leider kann ich das nicht. Doch würde eine verzagte und pessimistische Schlußfolgerung ebensowenig gerechtfertigt sein.

Es geht noch immer in mehr als einem Sinn um eine unvollendete Revolution. Ihre Vergangenheit ist alles andere als einfach. Sie ist aus dem Mißerfolg und dem Erfolg, aus enttäuschter Hoffnung und erfüllter Hoffnung zusammengesetzt – und wer kann diese Hoffnungen untereinander vergleichen? Wo sind die Waagschalen, auf die man die Errungenschaften und die Mißerfolge einer so großen Epoche legen und die Maße bestimmen könnte? Was offensichtlich ist, das ist die Unermeßlichkeit und der unerwartete Charakter sowohl des Erfolgs als auch des Mißerfolgs, das sind ihre wechselseitige Abhängigkeit und ihre grellen Kontraste. Man wird an Hegels noch nicht veralteten Satz erinnert, daß die „Geschichte nicht der Boden für das Glück“ ist; daß „die Zeiten des Glückes in ihr leere Blätter“ sind, denn „wohl ist in der Weltgeschichte auch Befriedigung; aber diese ist nicht das, was Glück genannt wird: denn es ist Befriedigung solcher Zwecke, die über den partikulären Zwecken stehen“. Gewiß, diese fünfzig Jahre gehören nicht zu den leeren Blättern der Geschichte.

„Rußland ist ein großes Schiff, das für eine große Fahrt bestimmt ist“, sagte Alexander Blok, der Dichter, in einem berühmten Satz, in dem wir den Unterton eines starken nationalen Stolzes vernehmen. Ein Russe, der die Leistung dieses halben Jahrhunderts mit den Augen des Nationalisten betrachtet, einer, der die Revolution als ein rein russisches Ereignis sieht, würde gute Gründe haben, noch stolzer zu sein. Rußland ist jetzt ein noch größeres Schiff, das auf einer noch viel größeren Fahrt unterwegs ist. In der Terminologie einer reinen nationalen Macht – und viele Menschen auf der ganzen Welt denken noch immer in diesen Begriffen – ist die Bilanz für die Sowjetunion absolut zufriedenstellend. Unsere. Staatsmänner und Politiker können sie nicht anders als mit Neid betrachten. Dennoch scheint mir, daß wenige Russen dieser Generation sie mit ungetrübtem Jubel betrachten. Viele sind sich der Tatsache bewußt, daß der Oktober 1917 kein rein russisches Ereignis war; und selbst jene, die es nicht sind, halten die nationale Macht nicht unbedingt für die ultima ratio der Geschichte.

Die meisten Russen scheinen sich sowohl der Leiden als auch der Größe dieser Epoche bewußt zu sein. Sie verfolgen den außerordentlichen Antrieb ihrer wirtschaftlichen Expansion, die steigende Zahl riesiger und modernster Fabriken, das wachsende System der Schulen und Bildungseinrichtungen, die Leistungen der sowjetischen Technik, die Weltraumflüge, die eindrucksvolle Erweiterung aller sozialen Dienstleistungen und so weiter; und sie haben das Gefühl der Vitalität, des Elans und des Vertrauens auf ihr Land. Aber sie wissen auch, daß für die meisten von ihnen das Alltagsleben noch immer eine zermürbende Plackerei ist, die der Erhabenheiten einer Supermacht spottet.

Geben wir einen Hinweis: Trotz des unerhörten Aufschwungs im Wohnungsbau beträgt der durchschnittliche Wohnraum pro Person noch immer nur etwa sechs Quadratmeter. Angesichts der überwiegenden Ungleichheit bedeutet das, daß er für viele nur fünf oder vier Quadratmeter oder sogar noch weniger beträgt. Der Durchschnitt ist noch immer so hoch, wie er am Ende der Stalin-Ära war. Das ist nicht überraschend, wenn man sich vor Augen hält, daß in den letzten fünfzehn Jahren allein die Zahl der Stadtbewohner in der Sowjetunion um so viel wie die Gesamtbevölkerung Englands angewachsen ist. Aber eine solche Statistik bietet einem Volk, das unter der furchtbaren Überfüllung leidet, wenig Trost; und obgleich sich die Situation allmählich bessern muß, wird diese Verbesserung lange Zeit in Anspruch nehmen. Das Mißverhältnis zwischen der Anstrengung und den Ergebnissen, für das ich die Wohnungslage hier als Beispiel anführe, ist für viele Bereiche des sowjetischen Lebens charakteristisch. Auf allzu vielen Gebieten mußte die Sowjetunion sehr rasch vorangehen, geradezu ein atemloses Tempo einschlagen, nur um festzustellen, daß sie sich überhaupt nicht fortbewegt hat, daß sie noch am selben Fleck steht.