Mit seinem 1857 veröffentlichten Essay hat Charles Baudelaire eine Bruegel-Diskussion in Gang gesetzt, die von der Kunstwissenschaft aufgenommen und bis in die Gegenwart weitergeführt wurde, Baudelaire hatte das allzu harmlose Bild vom Bauernbruegel und drolligen Pieter, der sein Publikum mit derben Späßen amüsiert, in Frage gestellt und auf den Bosch-Aspekt hingewiesen, auf die diabolische und phantastische Welt eines Künstlers, "der den Teufel in Person gesehen habe".

Die neuere Literatur hat Teufel und Dämonen nur insofern gelten lassen, als sie den geistesgeschichtlichen Hintergrund, die geheimen religiösen Strömungen, kirchenfromme und ketzerische Tendenzen andeuten, ohne deren Kenntnis das Werk ein Rätsel bleibt. Max Dworäk vor allem hat die geistesgeschichtlichen Untersuchungen vorangetrieben und Bruegel mit dem europäischen Manierismus in Verbindung gebracht.

Das Schauspiel, das die verschiedenen Versuche zur Deutung Bruegels von seiner Zeit bis auf unsere Tage bieten, sei verwirrend, resümiert Fritz Grossmann, der im Phaidon-Verlag die Gesamtausgabe der Gemälde besorgte. Um das Schauspiel ganz auszukosten, läßt er sein Buch mit der ältesten Bruegel-Biographie beginnen, die Carel van Mander 1604 im "Schilder-Boeck" geschrieben hat. Van Mander hat die längst widerlegte Geschichte, daß Bruegel ein Bauer gewesen und in einem Dorf bei Breda geboren sei, in die Welt gesetzt.

Aber auch Grossmann betrachtet seinen Text noch immer als eine überaus wichtige Quelle. Manche seiner krassen und bildhaften Formulierungen, etwa über Bruegels Verhältnis zur Natur, zur Landschaft, treffen ins Schwarze. "Auf seinen Reisen hat er viel nach der Natur gearbeitet, so daß von ihm gesagt wird, er habe, als er in den Alpen war, alle die Berge und Felsen verschluckt und, nach Hause zurückgekehrt, auf Leinwände und Tafeln wieder ausgespien." Der wissenschaftliche Terminus für das freie Kombinieren geographisch getrennter Motive heißt "Mischlandschaft".

Grossmann läßt die verschiedenen Bruegel-Interpretationen Revue passieren, ohne ihnen eine eigene entgegenzusetzen, ohne sich für eine zu entscheiden. Bruegel war ein Bosch-Nachfolger, ein Wahrer der flämischen Tradition, der letzte der Primitiven, ein Manierist, ein Illustrator, ein Genremaler, ein Realist, ein Künstler, der die gesehene Wirklichkeit seinem Formideal anpaßte. Nach Grossmann enthält jede dieser Ansichten, auch wenn sie sich widersprechen, einen Teil der Wahrheit.

Um so entschiedener bezieht er Stellung, wenn es sich um Fragen der Zuschreibung handelt. Der von ihm aufgestellte Oeuvre-Katalog hat wissenschaftlichen Kredit. Im Tafelteil sind alle authentischen (nach Grossmann 45 Werke) und einige bisher umstrittene Gemälde abgebildet. Mit großer Sorgfalt wurden die vielen farbigen und schwarzweißen Detailaufnahmen hergestellt. Nur über den Bildausschnitt kann der Betrachter einem so extrem detailfreudigen Maler nahekommen. Das Buch war lange vergriffen und ist jetzt in einer fast unveränderten zweiten Auflage erschienen ("Bruegel – Die Gemälde", Gesamtausgabe von Fritz Grossmann; Phaidon-V erlag, London/Köln; 207 S. mit 155 Abb., 36,– DM).

Gottfried Sello