Wenn man nach Zürich fährt, wird es einem noch als Neuigkeit erzählt. Nicht in einem Tea-Room in der Bahnhofstraße oder auf einer Party in einer der feinen Villen am Ufer des Sees oder so en passant im „Mövenpick“; eher schon im „Odeon“, am ehesten im „Select“, wo Studenten sitzen, Graphiker, Architekten, Künstler und solche, die es gerne wären: Seit zwei Monaten steht im Rosenhof ein Brunnen mit einer Inschrift von Max Frisch.

Bruchstücke des Textes werden einem zitiert. Und dann geht man hin, um zu erfahren, was Frisch auf Brunnen schreibt.

Der Rosenhof ist kein Rosenhof, sondern ein Hinterhof in der Altstadt, der neu gestaltet wurde. Man würde an ihm vorbeilaufen, weil nur zwei enge Gäßchen und eine Toreinfahrt zu ihm führen. Man muß es von den Zürchern erfahren, die es wissen und wissen wollen, daß dieser Brunnen mit dieser Inschrift in dieser Stadt aufgestellt wurde, diesem Zwingli-Zürich, das alles, was Unruhe und Aufsehen erregen könnte, von sich weist, weil es um seinen Reichtum fürchtet.

Da steht also dieser Brunnen, und seine Inschrift macht ihn zum historischen Denkmal, zum Engagement in Stein geritzt. Ersteres wurde vom Baukunst-Vorstand der Stadt Zürich genehmigt, letzteres mußte, um dort stehen zu dürfen, als Kunst deklariert werden, sonst hätte die Stadt ihre Bewilligung verweigert.

Die drei Männer, Benedicta Huber, der den Hinterhof neu gestaltete, Peter Meister, der den Brunnen schuf, und Max Frisch, der die Inschrift setzte, schlossen den Kompromiß. Sie stellten den Brunnen als Kunstwerk auf, und Max Frisch änderte außerdem noch den letzten Satz seiner Inschrift für die ängstlichen Augen der Stadtväter in einen gemäßigteren um.

Man steht in diesem Hinterhof, der eingegrenzt ist von den Rückfassaden der Altstadthäuser. Es ist die Seite, der Küchenfenster. Wäsche hängt heraus. Es ist die Rückseite einer Bar, eines kleinen Cafés, eines Restaurants. Kinder spielen Fangen um die neuen modernen Steintischchen herum, um die Bänke, und hüpfen über die hellgrauen, breitflächigen Pflastersteine.

In der Mitte der Brunnen. Ein kubischer Block, aus dem Wasser fließt. Man liest die Schrift: