Von Fred Prieberg

Mritten im märkisch anmutenden Kiefernwald zwischen Utrecht und Hilversum liegt Bilthoven, ein ebenso reicher wie adretter Villenort. Kaufleute, Künstler und ehemalige Plantagenbesitzer verbringen hier ihren Lebensabend. Aber in Bilthoven existiert auch ein einzigartiges Gemeinschaftswerk zugunsten junger Komponisten und Musiker, die Stiftung Gaudeamus. Nach zwanzigjährigem Wirken ist sie heute eine wesentliche Kraft im holländischen und internationalen Musikleben. Mancher Komponist und Interpret unter 35 (der von der Stiftung genannten Altersgrenze) verdankt seinen bevorzugten Status der Stiftung Gaudeamus.

Die kürzlich abgeschlossene Gaudeamus-Musikwoche 1967 zeigte, wie der erste Schritt nach oben aussehen kann. Eine internationale Jury (der Krzysztof Penderecki, Ingvar Lindholm, Marius Constant, Theo Bruins und Roman Haubenstock-Ramati angehörten) hatte Partituren aus Schweden, Norwegen, Rumänien, der Schweiz, Holland, Frankreich, den USA, der Bundesrepublik und der DDR ausgewählt. Diese Werke kamen während der Musikwoche zur Uraufführung, und zwar durch die namhaftesten holländischen Orchester, Kammerensembles und Solisten. Um die Wirkung der Premieren möglichst breit zu streuen, waren sie auf verschiedene Orte verteilt: auf Rotterdam, Amsterdam, Utrecht und Hilversum. Leider verzichtete die Jury diesmal auf eine Rangordnung der Kompositionspreise. Ohne erkennbares Auswahlprinzip verteilte sie an sechs der siebzehn geladenen jungen Komponisten je tausend Gulden.

Das romantische Haus der Stiftung Gaudeamus in Bilthoven war die ganze Woche hindurch eine Stätte der Begegnung und des Lernens. Roman Haubenstock-Ramati, der von der Berliner Kritik so schnöde behandelte Autor der experimentellen Kafka-Oper „Amerika“, leitete den Analysekursus. Im Kreis der Komponisten und Gasthörer besprach er schwache und starke Details der neuen Partituren. Man hörte die Tonbänder ab, die jeweils am Tag nach den Aufführungen verfügbar waren. Man diskutierte, und dabei zeigte sich, daß fast alle diese jungen Leute durchaus über das, was sie zu Papier gebracht, auch nachgedacht hatten. Haubenstock-Ramati ergänzte Ideen und technische Einzelheiten – etwa die beste Methode der Schlagzeug-Notation – und machte als erfahrener Komponist und Verlagslektor auf Konsequenzen der Technik aufmerksam. Immer wieder mahnte er, bei der Formulierung der Partitur doch bitte auf die Orchestermusiker Rücksicht zu nehmen, und warnte mit Recht davor, die ohnehin schwierige Situation der neuen Musik noch durch Eigenwilligkeiten der Notation zu verschärfen.

Das Essen, sehr holländisch, sehr opulent, vereinte alle Teilnehmer und Gäste, und hier zwischen Suppe und Nachtisch war nicht nur zu Fachgesprächen Gelegenheit. Unter den Gästen sah man Josip Stojanovic, den führenden Kopf des jugoslawischen Musiklebens, Francis Travis, der am Sonntag ein Konzert mit Werken von Isang Yun dirigierte, freundschaftliche Huldigung für den koreanischen Komponisten, der bekanntlich vom südkoreanischen Geheimdienst unter eklatanter Verletzung internationalen Rechts aus Westberlin entführt worden ist. Ferner sah man André Laporte, den Chef der Musikabteilung des Belgischen Rundfunks, den bedeutenden schwedischen Organisten und Pianisten Karl-Erik Welin und Professor Hans Oesch, den Basler Ordinarius für Musikwissenschaft. Nahezu allgegenwärtig aber war in diesen acht Tagen Walter Maass, der Begründer und Organisator der Stiftung Gaudeamus, der es auf einzigartige Weise verstanden hat, private, kommunale und staatliche Finanzmittel für den guten Zweck flüssig zu machen, der unermüdlich daran arbeitet, daß sein Lebenswerk. nämlich dieses Zentrum zeitgenössischer Musik, zur dauernden Institution wird.

Es gibt bereits Symptome der Institutionalisierung, so auch die Bemerkung in einem Rundschreiben an die Teilnehmer: „In bezug auf die Empfänge, die auf dem Programm stehen, bitten wir Sie, einen dunklen Anzug mitbringen zu wollen.“ Angefangen hatte Gaudeamus vor zwei Jahrzehnten ganz ohne Schick und Schale. 1947 erhielt Walter Maass, jüdischer Flüchtling aus Mainz, während des Krieges in Holland untergetaucht und von Freunden versorgt, so daß ihm das Schicksal Anne Franks erspart blieb, die holländische Staatsbürgerschaft. Damals errichtete er die Stiftung. Man wird nicht in der Annahme fehlgehen, daß es auch aus einem Gefühl der Dankbarkeit geschah. Aber natürlich steckte nicht wenig persönlicher Ehrgeiz dahinter.

Eine Stiftung läßt sich nicht improvisieren. Sie braucht Geldgeber. Sie bedarf aller Persönlichkeiten, die über musikalische Produktionsmittel verfügen. Daher spielte Walter Maass höchst virtuos auf der Klaviatur der kulturpolitischen Querverbindungen. Er interessierte den Bürgermeister von Bilthoven, dann den von De Bilt, von Hilversum und Utrecht, dann den königlichen Provinzgouverneur von Utrecht, endlich sogar das Kulturministerium und den Prinz-, Bernhard-Fonds. Am Ende kam auch der Rundfunk.