Nur ein Viertel aller dreizehn- bis vierzehnjährigen Jugendlichen in der Bundesrepublik sind von ihren Eltern aufgeklärt worden, die Hälfte fühlt sich genügend unterrichtet. Wieweit sie aber tatsächlich über die Vorgänge und Funktionen Bescheid wissen, bleibt dennoch fraglich. Die Verquickung von funktionaler Betrachtungsweise und verquerer Morallehre läßt Eltern und Lehrer immer noch vor ihren Aufklärungspflichten zurückschrecken und sie eher hilflos als peinlich empfinden. Zudem befindet sich ein sehr großer Teil der Erwachsenen – Schätzungen schwanken zwischen sechzig und achtzig Prozent – in dem gleichen Dilemma wie die Jugendlichen: dem der Unwissenheit.

In einigen Städten der Bundesrepublik ist nun seit einigen Tagen ein Film zu sehen, der, abendfüllend, diese Lücken stopfen will: Vom Zentralinstitut für Gesundheitserziehung unterstützt, von Wissenschaftlern beraten, von Filmmachern in Farbe gedreht und von Kinobesuchern zu betrachten, die mindestens sechzehn Jahre alt sind. Hinter dem unverfänglichen Titel „Helga“ verbirgt sich ein Film, der beinahe gelungen wäre.

Der Film möchte alle Altersgruppen belehren und wird dann zum Schluß vor allem einer dieser Gruppen nicht gerecht: den Heranwachsenden. Er schwankt zwischen szenisch vorgespielter Anleitung in Aufklärungstaktik, dokumentarischer Information über die Funktionen der Geschlechtsorgane und detaillierter Unterrichtung für werdende Mütter über Babypflege vor und nach der Geburt. Und an dieser Mischung liegt es dann auch, daß der Film letztlich für ganz junge Leute nicht so recht von Interesse sein kann. Ihnen wird, durch dilettantische Schauspieler und dilettantische Regie verzerrt, vorgeführt, wie Eltern auf den Wissensdrang ihrer Kinder reagieren sollen und welch unerhört aufwendiges Unterfangen das Kinderkriegen für Mütter ist.

Eines der wichtigsten Themen aller Aufklärung heute, die Empfängnisverhütung (oder Geburtenregelung oder Familienplanung) wurde, aus welchen Gründen auch immer, fast umgangen. Zwar taucht der Kopf eines energisch dreinblickenden Arztes vor der Kamera auf, der keinen Zweifel an der Berechtigung zur Kinderplanung lassen will; seine Hinweise jedoch gelten nur als Einleitung für den dokumentarisch gefilmten Wachstumsprozeß eines Embryos, eine wichtige und außerdem ausgezeichnet informierende Dokumentation. Wie aber auch verhindert werden kann, daß immer noch neben einer Million Geburten mit einer Million Abtreibungen gerechnet werden muß, wird scheu und gefährlich lückenhaft und also gar nicht beantwortet. Knapp die „Pille“ zu erwähnen und die längst umstrittene Knaus-Ogino-Methode, das ist in einem Aufklärungsfilm fast eine Unterlassungssünde, die durch niedliche Babys an der Brust oder auf dem Töpfchen nicht aufgewogen wird. Die Vermutung liegt nahe, daß die Hersteller des Films plötzlich Angst von der eigenen Courage bekommen haben.

Von Interesse, doch vielleicht nicht unbedingt geeignet, ist die farbig gefilmte Geburt eines Kindes. So etwas ist heute nicht mehr mutig. Und wenn es schon für notwendig gehalten wird, wäre es kürzer besser gewesen. Bei Jugendlichen – und nicht nur bei ihnen – kann so ein Erlebnis eher negativ als Schock denn als Aufklärung wirken.

Oft unerträglich wird der Film dann, wenn „gespielt“ wird: Muttergefühle und Mutterschaft, Kindermund und Teenagerverhalten, kurz, wenn er, verniedlichend, zur Idylle wird.

Immer gut und interessant und wichtig ist er dann, wenn er sachlich bleibt. Die vergrößerten mikroskopischen Aufnahmen etwa, die schematischen Darstellungen von der Befruchtung, vom Follikelsprung, von den verschiedenen Phasen des Reifungsprozesses eines Embryos sind nicht nur erklärend, sie haben sogar eine eigene Ästhetik.

Soll man sich den Film also ansehen? Allen Einschränkungen trotzend: ja; denn alles, was sich sonst unter dem lockenden, inzwischen leicht verdorbenen Begriff der „Aufklärung“ auf Leinwänden aufzudrängen versucht, ist unvergleichbar schlechter. Gisela Stelly