Von Werner Ross

Auch wenn wir von deutschen Studenten sprechen wollen, lohnt es sich, vorher einen Blick auf Maos China zu werfen. Die Nachrichten sind verworren, ein abschließendes Urteil ist nicht erlaubt. Drei Dinge allerdings treten deutlich hervor und dürfen als unumstritten gelten: Erstens, die Oberschulen waren ein Jahr lang geschlossen, und es ist fraglich, ob sie wieder wie normale Schulen funktionieren; zweitens, der Enthusiasmus der Schüler, die sich in Rotgardisten und Kulturrevolutionäre verwandelt hatten, wurde aus einer einzigen Quelle, den roten Büchlein mit Mao-Sprüchen, genährt; drittens, die Revolution war, solange sie nicht in Bürgerkrieg umschlug, unblutig, machte aber heftigen Gebrauch von Schmähungen, groben Verunglimpfungen und entehrendem Spott.

Dinge, die weiß Gott nichts mit unseren Verhältnissen zu tun haben, so, glauben wir befriedigt feststellen zu dürfen. Die deutschen Studenten setzen sich gegen die Polizei zur Wehr, kritisieren die Rückständigkeit der Universität, bekämpfen die Reste feudaler Gesellschaftsordnung. Darüber hinaus gibt es – so stellt sich die Sachlage den meisten dar – ein paar radikale Grüppchen: Kommunarden mit wildwuchernden Bärten und mit unbefriedigter Neigung zur Vielweiberei oder eingefleischte Neu-Marxisten mit hochfliegenden, aber wenig präzisierten Ideen von der Neuordnung unserer Gesellschaft – und irgendwie mit deren Treiben zusammenhängend sogenannte „Auswüchse“.

Man könnte annehmen, die „junge Gesellschaft“ der Studenten sei ähnlich geordnet und geortet wie die Gesellschaft selbst, mit einer Akzentverlagerung zum Revolutionären hin, wie es der Jugend entspricht; man könnte die „Auswüchse“ entsprechend rügen oder verzeihen.

Mir scheint das zur Erklärung des Gesamtphänomens nicht auszureichen. Man muß noch etwas anderes in die Analyse einbeziehen, und zu dessen Identifizierung hilft das chinesische Beispiel trotz aller Unterschiede.

Das Problem, um das es sich handelt, ist das des Fleißes. Fleiß heißt auf lateinisch Studium; man darf annehmen, daß unser Gegenstand, die Studenten, vom Wort und vermutlich auch von der Sache her, einiges mit diesem Studium zu tun haben. Studium ist mit „Fleiß“ freilich nicht vollständig übersetzt; eine zweite Bedeutung schwingt mit – nämlich „Eifer“. Es ist also nicht nur der Sitz- und Schwitzfleiß, die büffelnde Geduld gemeint, sondern auch der Suchfleiß, die Neugier, der Erkenntnisdrang.

In diesem etymologischen Ansatz unterscheidet sich das Studium sehr von der Schule. Deren Etymologie führt in ein ganz anderes Milieu. Scholé ist die Muße, die Freizeit; Schule ist von Haus aus eine Freizeitbeschäftigung. Daß den Kindern etwas beigebracht wird, ist also nur die eine Seite der Sache. Die andere ist, daß sie von der Straße oder aus dem Haus geholt werden, bewahrt vor dem Herumlungern oder vor dummen Streichen. Schüler sind daher, das ist eine kaum je unterbrochene Tradition, Muß-Lerner, die eigentlich Besseres, Altersgemäßeres zu tun wüßten: Spiel, Sport, Indianerkampf.