Deutschlands Frontstadt zwischen Ost und West erlitt eine Schlappe an der inneren Front: Nach einer neunmonatigen Amtszeit ohne Fortune gab der Regierende Bürgermeister Westberlins, Heinrich Albertz, am Dienstagnachmittag seinen Rücktritt bekannt. Abgespannt und mit einem schwachen Lächeln erklärte er vor der Presse: „Meine Versuche, einen arbeitsfähigen Senat zu erhalten, sind gescheitert.“

Albertz’ Chef-Sessel im Schöneberger Rathaus hatte schon lange gewankt. Den letzten Anstoß gab eine SPD-interne Kontroverse um die Nachfolge Wolfgang Büschs, der als Innensenator aus dem Untersuchungsbericht des Abgeordnetenhauses über die Vorfälle beim Schahbesuch in Berlin die Konsequenzen gezogen hatte und zurückgetreten war.

Noch am vorigen Wochenende sah es allerdings so aus, als ließe sich ein Rücktritt Albertz’ umgehen. Siebzig führende Funktionäre der Berliner SPD trafen sich im Schloß Glienicke zu einer Klausurtagung, um die lähmenden Flügelkämpfe beizulegen.

In der Partei hatte man zuvor ein großes Senatsrevirement mit Ablösung des Regierenden Bürgermeisters verworfen. Denn der starke „rechte“ SPD-Flügel um den Landesvorsitzenden Mattick wollte die Macht nicht mit dem „linken Flügel“ um den Charlottenburger Stadtrat Ristock teilen. Unterstützt von der schwachen Mitte, der sogenannten „Rathausfraktion“, hatte Albertz versprochen, den bisherigen Sozialsenator Kurt Neubauer – einen Protegé des rechten Flügels – als neuen Innensenator und Bürgermeister vorzuschlagen.

Auf der Klausurtagung jedoch besann sich Albertz plötzlich: Er schlug Neubauer zwar zum Innensenator vor, wollte dessen Nominierung zum Bürgermeister aber vom Ausgang der Personaldebatte abhängig machen. Das Kartenhaus der Absprachen brach zusammen, Neubauer verzichtete, der rechte Flügel entzog dem „Regierenden“ seine Unterstützung. Damit war Albertz praktisch schon geliefert, denn ein Vertreter des linken Flügels als neuer Innensenator hätte kaum Aussicht auf eine Mehrheit in der Fraktion gehabt.

Am Montag dieser Woche versuchte der SPD-Landesvorstand in einer siebenstündigen Debatte noch einmal, die personellen Vorschläge der rivalisierenden Lager auf einen Nenner zu bringen. Einer Sitzung der SPD-Fraktion, die für Dienstagnachmittag anberaumt war, kam Albertz dann mit seiner Rücktrittserklärung zuvor. Mit ihm demissionierte der gesamte SPD/FDP-Senat.

Albertz wurde zum Verhängnis, daß er in Berlin keine eigene parlamentarische Hausmacht besaß. Schon seinen Amtsantritt im Dezember vorigen Jahres hatte der Pfarrer aus Breslau eher seinem Vorgänger Willy Brandt als den Sympathien seiner Partei verdankt. Auch die Wähler konnten sich mit dem bürokratisch wirkenden Albertz nur schwer befreunden. Die SPD mußte bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus im März Stimmenverluste hinnehmen.

Erster Widerstand aus den Reihen der Partei schlug dem „roten Preußen“ dann auf dem Landesparteitag Ende Mai entgegen. Rechte und linke Flügelleute besetzten die Vorstandsposten, und Kurt Mattick vergaß es Albertz nie, daß er ihm den Landesvorsitz hatte streitig machen wollen.

Die entscheidende Bewährungsprobe für den Regierenden Bürgermeister aber kam mit den Tumulten um den Schahbesuch am 2. Juni. Albertz war nicht Herr der Lage. Er billigte den brutalen Polizeieinsatz und zeigte Unverständnis für die rebellierenden Studenten. Seine Reaktion war den einen zu weich, den anderen zu hart. Albertz’ Stern begann zu sinken: Sein Popularitätsgrad ging von 60 Prozent im März auf 34 Prozent im August herunter. In den Gremien der Berliner SPD wurde überlegt, wie Albertz am besten kaltzustellen sei.

Noch zweimal trat Albertz die Flucht nach vorn an – mit Erfolg, aber zu spät: In Glienicke ließ er sich von den Funktionären eine Vertrauenserklärung ausstellen. Sie bestätigte sein Auftreten vor dem Abgeordnetenhaus bei der Debatte des Untersuchungsberichts über die Schahtumulte. Ein Arbeitspapier der SPD zur Berlin- und Deutschlandpolitik, das noch vom Parteitag gebilligt werden muß, kam ebenfalls Albertz’ Wünschen entgegen. Es gibt dem Regierenden Bürgermeister – wer immer dies nun sein wird – unter dem alliierten Dach und in Übereinstimmung mit Bonn größere Bewegungsfreiheit für Verhandlungen mit Ostberlin.