New York, im September

Seit langem haben Wirtschaftsexperten der amerikanischen Privatindustrie Zweifel an der Richtigkeit der von der Regierung in Washington herausgegebenen Statistiken und Voraussagen. Das hat dazu geführt, daß außerhalb der USA, wo „amtliche“ Voraussagen oft noch hoch im Kurs stehen, von einem kommenden Boom in den USA die Rede war, während amerikanische Zeitungen die Siegesnachrichten der Regierung mit Nachrichten aus der Privatindustrie mischten, die oft nur wenig Hoffnung auf eine rasche Besserung der Wirtschaftslage machten.

Die New York Times wandte sich jetzt in außergewöhnlich scharfer Weise gegen Gardner Ackley, den Chef des Wirtschaftsberater-Gremiums von Präsident Johnson; und das Wall Street Journal sah sich am nächsten Tag veranlaßt, einige der krassesten Fälle aufzudecken, in denen amtliche Statistiken – auf denen die amtlichen Voraussagen auf „rasche“ Wirtschaftsbesserung beruht hatten – unrichtig waren.

Unter der Überschrift „Mr. Ackley’s Propaganda“ geht die New York Times mit Erklärungen ins Gericht, die Ackley vor kurzem im Kabinett abgegeben hat. Er erklärte, alle Wirtschafts-Informationen unterstützten die These von einer „starken wirtschaftlichen Ausweitung“, die jetzt im Gange sei. Selbst der Automobilarbeiterstreik ändere daran nichts. „Es ist schwer zu glauben“, sagt die New York Times, „daß er zum Beispiel das ganze Ausmaß des Schadens nicht erkennen sollte, den der Autostreik für die Wirtschaft hervorruft; . noch verwunderlicher ist die Behauptung, daß alle kürzlich herausgekommenen Wirtschaftsinformationen eine günstige Voraussage unterstützen.“ Der Leitartikel erwähnt hierbei die Lage an der Börse, die sich von ihrem Rückschlag nach dem Höchststand Anfang August noch nicht erholt habe. Der Stand der Arbeitslosigkeit sei im August nur so leicht zurückgegangen, daß man eher von einem Anhalten der Entwicklung nach unten als von einem Durchbruch zur Vollbeschäftigung reden könne.

Die New York Times zitiert dabei das Wall Street Journal, das kurz vorher festgestellt hatte, der amerikanische Geschäftsmann kaufe für das Weihnachtsgeschäft „mit dem Mut extremer Vorsicht“ ein. Am nächsten Tag brachte das Wall Street Journal dann auf der Titelseite eine ausführliche Aufzählung falscher amtlicher Statistiken, die die Grundlage irreführender amtlicher Wirtschaftsvoraussagen gebildet hatten. Hier einige Beispiele:

  • Die erste Voraussage des Commerce Department für das Bruttosozialprodukt 196.6 war um 33 Milliarden Dollar zu niedrig – etwa so, als ob man die gesamte Automobilindustrie oder das Sozialprodukt von ganz Schweden und der Schweiz übersehen habe.
  • Ende Juni dieses Jahres bezeichnete Ackley eine Voraussage, die im Kongreß gemacht wurde und das Defizit für das neue Finanzjahr auf etwa 30 Milliarden Dollar schätzte, als „abscheulich“. Sechs Wochen später sagte der Präsident, es könne 29 Milliarden Dollar ausmachen.
  • Das Büro für die Volkszählung gab kürzlich zu, daß im Zensus 1960 (ein Zensus findet in den USA alle 10 Jahre statt) ein Sechstel aller jugendlichen Neger nicht mitgezählt wurde. Der Erfolg war, daß 1,6 Millionen Häuser in Elendsgebieten zuwenig gerechnet wurden.
  • Im August gab das Schatzamt zu, daß es im Januar die Einnahmen der Regierung für 1968 um etwa 7 Milliarden überschätzte, Die persönlichen Einkommen der Amerikaner und die der Unternehmen hielten nicht Schritt mit der Voraussage. Außerdem stimmte irgend etwas nicht bei der Methode der Errechnung – was, das hat man noch nicht herausgefunden.
  • Der monatliche Bericht des Handelsministeriums über Aufträge der Industrie, Verschiffungen und Lagerbestände ist nicht korrekt, weil Militäraufträge zwar besonders genannt werden, in Wirklichkeit aber auch Zivilgeschäfte enthalten, wie zum Beispiel beim zivilen Flugzeugbau und bei den „Kommunikations-Industrien“. Was er dagegen nicht anführt, sind klare Pentagon-Käufe wie Uniformen, Lastwagen, Schiffe und vieles andere.
  • Die Regierungsberichte über die Entwicklung der Lagerbestände in Industrie und Handel leiden darunter, daß man bisher keine genaue Methode gefunden hat, diese Dinge exakt vorauszusagen. Die Wirtschaftsratgeber des Präsidenten sagten für 1966 eine Verminderung der Lagerbestände voraus. Was wirklich eintrat, war eine Lagerausweitung um 13,4 Milliarden Dollar! Diese Ausweitung war zusammen mit der von 1965 (um 9,4 Milliarden Dollar) bei der Kaufunlust des Publikums einer der Hauptgründe für die Flaute, die noch nicht beendet ist. Trotzdem sagte die Regierung kürzlich „ein besseres Gleichgewicht zwischen Verkäufen und Lagerbeständen für Ende 1967“ voraus. Eine Untersuchung des Wall Street Journals ergab, daß die Entwicklung der Lagerbestände „trotz der Regierungshoffnungen“ noch völlig ungewiß ist.
  • Auch Fehler, die bei der Bedienung von Computern gemacht werden, verfälschen die Regierungsberichte. Ein „Computerfehler“ ließ das Zensusbüro im Jahre 1965 die Zahl der „verarmten“ Amerikaner um 800 000 zu hoch angeben.

„Führende Plänemacher der Regierung“, sagt das Wall Street Journal, „die sich der Wackligkeit vieler ihrer Statistiken bewußt sind, versuchen das auszugleichen und verlassen sich nicht nur auf numerische Indikatoren.“ Und ein Mann, der für die Regierung Prognosen erarbeitet, gestand: „Oft handelt es sich dabei um nichts anderes als ein Gefühl im Magen über die Wirtschaft.“ „Hilfe verspricht man sich auch von Gesprächen mit Wirtschafts- und Gewerkschaftsführern, Presseberichten und andauernder Prüfung der Ansichten anderer Wirtschaftsexperten“, sagt das Wall Street Journal in seinem Bericht über die unwissenschaftlichen Methoden, mit deren Hilfe so viele ungenaue und unrichtige Statistiken aufgestellt und Voraussagen gemacht wurden.

Es weist dabei darauf hin, daß die Regierung unter dem „System der neuen Wirtschaftslehren“ die Steuer- und Ausgabenpolitik der USA durch „Feineinstellung“ dirigieren müsse und daher auf genaue Statistiken angewiesen sei. Und die New York Times schreibt Herrn Ackley, dem Hauptplänemacher der Regierung, folgendes ins Stammbuch: „Kurz gesagt, ist wieder einmal ein Sprecher für die Wirtschaftspolitik der Regierung bei der Aufführung der Gründe für die Steuererhöhung nicht ganz aufrichtig gewesen. Selbst viele Freunde des Vorschlags – vielleicht sogar einige der bekannten Wirtschaftssachverständigen, die gestern für den Vorschlag waren – würden wahrscheinlich jetzt der These zustimmen, daß die wirtschaftliche Zukunft nicht ganz so gewiß ist, wie sie von Herrn Ackley gezeichnet wurde.“ Kurt J. Dosmar