Viele Lebewesen vermehren sich durch Parthenogenese, also dadurch, daß sich die Eizelle, ohne befruchtet zu sein, zu einem ausgewachsenen Organismus der betreffenden Art entwickelt. Allein dieser Tatsache wegen sollten wir nicht behaupten, ein Mensch könne nur aus der Vereinigung einer weiblichen mit einer männlichen Keimzelle entstehen. Eine natürliche Jungfernzeugung ist auch bei unserer Spezies keineswegs ausgeschlossen, wenngleich wir ihr nur eine geringe Wahrscheinlichkeit zubilligen können. Zumindest läßt sie sich durch die gezielte Anwendung der Prinzipien, die wir in der experimentellen Biologie erarbeitet haben, eines Tages ganz sicher herbeiführen.

In zahllosen Experimenten ist es gelungen, weiblichen Säugetieren befruchtete Eizellen einzupflanzen, die daraufhin ausgetragen wurden und zu lebensfähigen Tieren heranwuchsen. Zweifellos würde dies auch beim Menschen gelingen. Bislang ist zwar, soweit ich es weiß, kein solcher Fall bekanntgeworden, doch angestrebt hat man ihn gewiß schon oft; auf diese Weise nämlich könnte man manchen Frauen, die normalerweise nicht in der Lage wären, Kinder zu gebären, zur Mutterschaft verhelfen.

Freilich handelt es sich hier nicht um Parthenogenese, denn ihr Charakteristikum ist es ja gerade, daß unbefruchtete Eier zur Reife gebracht werden, so wie im Bienenstaat die Drohnen entstehen.

Ein interessantes Beispiel dafür, daß man die Jungfernzeugung bei einer Tierart herbeiführen kann, bei der sie unter natürlichen Umständen nicht vorkommt, hat Dr. Marlow W. Olsen vom US-Landwirtschaftsministerium an Truthennen demonstriert. Seit langem weiß man, daß sich unbefruchtete Eier dieser Tiere ein wenig weiterentwickeln, allerdings nicht etwa bis zum ausgewachsenen Vogel. Olsen gelang es nun, Truthühner zu züchten, die diese Eigenschaft von Generation zu Generation immer ausgeprägter erkennen ließen, bis er schließlich eine Variante erhielt, die einige unbefruchtete Eier zu lebensfähigen Küken ausbrüten konnte. Wie nach den biologischen Gesetzen zu erwarten war, kamen dabei nur männliche Tiere zur Welt, die aber zu geschlechtsreifen Vögeln heranwuchsen.

Wir kennen nicht alle genetischen Faktoren, die für die Jungfernzeugung der Truthühner verantwortlich sind. Soviel jedoch weiß man, daß eine bestimmte Gruppe von Genen und ein Geflügelpocken-Virus daran beteiligt waren. Diese Forschungsrichtung ist von allergrößter Bedeutung, nicht zuletzt auch für unsere Art.

Die Parthenogenese kommt auch bei Säugetieren vor. In der Regel sterben jedoch die Embryonen vorzeitig ab, vermutlich, weil der mütterliche Organismus Zellen, die nur einen Satz von Genen enthalten, normalerweise nicht toleriert. Die Toleranzgrenze freilich ist keineswegs unveränderlich. Man hat zum Beispiel unbefruchtete Kanincheneier dadurch zur begrenzt fortgesetzten Teilung gebracht, daß man die Zellen unterkühlte.

Der kürzlich verstorbene Professor Gregory Pincus, der wesentlich zur Entwicklung der Ovulationshemmer beigetragen hat, berichtete im Jahre 1939, ihm sei es gelungen, aus einer großen Zahl von unbefruchteten Kanincheneiern einige bis zur vollen Geburtsreife zu bringen; aus einer dieser Eizellen hätte sich sogar ein Kaninchen entwickelt, das bis zum fortpflanzungsfähigen Alter am Leben geblieben wäre. Wir betrachten diese Experimente, die bislang in keinem anderen Laboratorium wiederholt wurden, mit Skepsis; allerdings hat sich auch noch niemand wieder mit einem so großen experimentellen Aufwand, wie ihn Pincus in seine Kaninchenversuche investiert hatte, um diese Frage gekümmert.