Von Ute Blaich

Sie finden Barbiepuppen süß und verschlingen Comics. Sie lieben Mainzelmännchen, tragen Lackbilder im Ranzen und trocknen ihre Gesichter mit Handtüchern, auf denen vierfarbig Mickymäuse eingewebt sind. Im Schlafzimmer ihrer Eltern hängt über den Betten die dekolletierte Zigeunerin in Öl. Doch mit sieben Jahren hatten sie ihr erstes Original kennengelernt: Meister Franckes „Anbetung der Könige“. Inzwischen gehen die jungen und Mädchen dieser Hamburger Volksschule mit der Selbstverständlichkeit Erwachsener in der Kunsthalle ein und aus.

Die Aufsicht tuenden älteren Herren versichern, daß sie Kinder gern im Hause sähen; sie hegen auch keinen Argwohn, daß einer der „Nana“ mit Lippenstift Netzstrümpfe malen könnte, wie das unlängst geschah. „Nein, die hier sind ordentlich“, betonen die Herren, „die sind noch begeisterungsfähig. Sie sollten mal erleben, wenn wir zu Ostern die Abgängerklassen hier haben. Da interessiert hauptsächlich das Funktionieren der Alarmanlagen und so technischer Kram ...“

Was Wunder? Ästhetisches Empfindungsvermögen muß vorbereitet werden. Wer Vierzehnjährige im letzten Volksschuljahr zum erstenmal ins Kunstmuseum führt, darf nicht darüber staunen, kaum noch Interesse zu finden. Meistens bleibt dieser – für das Abschlußjahr von der Schulbehörde ausdrücklich anempfohlene – Kunsthallenbesuch der erste und einzige: Ein ästhetisch total verblödeter Konsument verläßt die Schule, der sich später behaglich im bürgerlichen Mief etablieren wird, das Alpenglühn in der guten Stube, die nackte Negerin als Glühbirnenverkleidung auf dem Nachttisch.

Man braucht kein Kunstmissionar zu sein, um dafür zu plädieren, daß schon kleine Kinder Gelegenheit haben sollten, ein Gefühl für das Vorhandensein von Maßstäben zu entwickeln, Maßstäben gegenüber der verkitschten, brutalisierten, dummdreisten, phantasielosen Ungestalt, die uns täglich umgibt und anödet, Maßstäben, die man nur direkt vor dem Gegenstand aufzuspüren lernt.

Ich besuchte einen Sommer lang mit Kindern einer dritten Volksschulklasse – Alter: acht Jahre – jede Woche einmal die Kunsthalle, um darüber, wie sie Bilder erleben, Genaues zu erfahren.

Was ereignet sich da? Ich ließ die Begegnung mit Bildern beginnen mit freien, phantastischassoziativen Erzählungen der Kinder. Das ist keine stur geübte Regel aus methodischen Lehrbüchern, sondern eine unter vielen möglichen Arten, von den Kindern selber erfunden und ihnen auf dieser Stufe offensichtlich am gemäßesten.