Donnerstag, 21. September, 21.00 Uhr, 2. Programm: „Was ist gut für Vietnam“ und 21.45 Uhr, 1. Programm: „Deutschland – nur noch ein Hotel in Leipzig?“

Aus Troja schickt Ares den Frauen, als Tausch für die Männer, nichts als den geschabten Staub und die Asche im Krug: An Aischylos’ Orestie mußte ich denken, an die Troerinnen von Euripides, Werfel und Sartre, als ich Morley Safers Vietnam-Film, ein Requiem in Bildern, anschaute. Lächelnd sprangen Soldaten mit Mützen und Stiefeln aus dem Transporter – schweigend schob man vertäute Aluminiumsärge ins Flugzeug hinein, Knochen und blutigen Staub statt Männer. Grelle Gegensätze illustrierten den Krieg. Hier, von der eigenen Artillerie getroffen, der Junge, der nun kein Junge mehr war, sondern nur noch ein Haufen Fleisch und Bein, dort die Busen-Sängerin im Minirock vor den füßewippenden GIs; hier die Langeweile, Warten und Schlaf, dort Ekel und Angst; hier das Verrecken, dort die Stimme der Lieben zu Haus, die ihrem Vati in Saigon einen Tonbandbrief schicken, und endlich, die schneidendste Antithese, ein Streitgespräch auf Distanz, geführt zwischen einem jungen Mann und einem General. „Für mich“, sagte der gemeine Soldat, der auch aus Köln oder Reims oder Syrakus stammen könnte, aus Kiew oder Manchester, „für mich ist der Krieg das Schlimmste, was es gibt. Es gefällt mir nicht, die Gärten anderer niederzuwalzen.“ Der General aber, ein Viersterne-General namens Westmoreland, der, seinen Worten nach, auch Schörner oder Panzer-Meyer hätte heißen können, der General sagte: „Für die Jungs hier ist dasein aufregendes Erlebnis. Der Sold ist gut, die Verpflegung ist gut, die Post funktioniert.“

Antithesen erhellen die Wahrheit, zerreißen den Schleier der Ideologie, stellen die Dinge dar, wie sie in Wirklichkeit sind. Große Worte erweisen sich als Landsknechtstiraden, die Phrasen werden entlarvt: Es war erregend zu sehen, wie zwei vorzügliche Sendungen, Mainzens Vietnam-Report und der Deutschland-Bericht der ARD, die gleiche dialektische Technik verwandten. Auch Ralph Giordano, der sich immer mehr als Publizist mit Sachverstand, Moralität und Phantasie erweist, inszenierte in seinem Film „Deutschland – nur noch ein Hotel in Leipzig?“ ein Wechselspiel der Kontraste: Vereidigung Ost, Vereidigung West; mein deutsches Vaterland, mein Vaterland, die DDR; hier Symbol der Träumerei von einer heilen Welt, die patriarchalischen Mummenschänze, dort Inbegriff einer nicht minder versteinten Ideologie, sozialistische Spruchbänder vor den Mündern der Kinder: Staatsgrenze, Humanismus, Arbeiter-Bauern, Ulbricht, unser Vorbild und Freund; hier die Lüge, freie Wahlen für die DDR, aber freie Wahlen nicht für Franco, für Salazar, den Schah und die anderen Lieben, dort der Verrat, Sozialismus, aber keine Demokratie, Stalin und nicht Rosa Luxemburg.

Ein melancholischer, ein menschlicher Film, ein Appell an den Betrachter, Weiterungen zu bedenken und Konsequenzen zu ziehen: was wäre, fragte Giordano, wenn die einen aufhörten, Demokratie unter dem Aspekt politischer Bündnissysteme zu sehen, und die anderen begännen, sich wieder auf Karl Marx zu besinnen? Gibt es dann, wenn die karolingischen und die Diamat-Träume ausgeträumt sind und die Krüppel, aneinandergelehnt, sich nicht mehr ihre Krankheiten zuschreien können, gibt es dann wieder ein Deutschland, das mehr wert ist als der Name einer Leipziger Beherbergungsstätte? Momos