„Jawlensky“ (Frankfurter Kunstverein): Diese sehr breit angelegte Retrospektive – 155 Arbeiten, vieles aus Privatbesitz und noch nicht publiziert – halte ich für nützlich, weil sie eine kritische Auseinandersetzung ermöglicht, an der es bisher gefehlt hat.

Es gibt kaum einen Künstler seines Ranges, dessen Werk derart krasse Höhenunterschiede aufweist. Die lange Reihe der (noch nicht abstrahierten) Köpfe von 1912, die in Frankfurt unglücklicherweise alle nebeneinander hängen, ist schwer zu ertragen; die Köpfe sind nach dem gleichen formalen Schema angelegt, in expressiver Geste erstarrt, die Farbe wirkt plakativ. Dagegen zählt das Kinderbild von 1905 „Andrej und Katja“ zu den besten Porträts in der Kunst dieser Jahre, der unterschiedliche Pinselduktus wird als Stilmittel eingesetzt, farbige Halb- und Viertelbögen kontrastieren mit langgezogenen Rechtecken. Grandios sind die „Variationen über ein landschaftliches Thema“ aus den Jahren 1914 bis 17, Meditationen am offenen Fenster seines Schweizer Ateliers; mit einem konstanten und beschränkten Formenarsenal schafft Jawlensky immer neue Konstellationen, die den Wechsel der Tageszeit und der eigenen psychischen Situation sensibel registrieren. Erst in den letzten Blumenstilleben wird dieser vollkommene Ausgleich zwischen sinnlicher Anschauung und innerer Vorstellung wieder erreicht. Schwer zu durchschauen sind Jawlenskys Beziehungen zum Blauen Reiter, dem er wahrscheinlich weniger verdankt, als man angenommen hatte. Wichtiger sind die Pariser Einflüsse, die formal von Matisse, geistig von den Symbolisten ausgehen. – Bis zum 22. Oktober, danach im Kunstverein Hamburg.

Gottfried Sello