Lebers verkehrspolitisches Programm – das erste Gesamtkonzept der deutschen Nachkriegsgeschichte – will die deutsche Verkehrmisere bis 1972 aus dem Weg räumen. Die Überlegungen des Verkehrsministers kreisten vor allem um zwei Mißstände:

  • Das Straßennetz ist schon heute überlastet. Auch ein forcierter Straßenbau kann bis 1975 mit der Zunahme der Kraftfahrzeugdichte nicht Schritt halten.
  • Die Bundesbahn arbeitet mit einem jährlichen Zuschuß des Steuerzahlers von drei Milliarden Mark. Er wird sich ohne Eingriffe in kurzer Zeit auf fünf Milliarden Mark erhöhen.

Um das Verkehrschaos auf den Straßen zu verringern und den Geldbeutel des Steuerzahlers zu schonen, möchte Leber ungefähr 30 Millionen Tonnen Pracht jährlich von der Straße auf die Schiene verlagern. Im einzelnen sieht sein Plan vor:

  • Ab 1. Juli 1970 wird der Ferntransport bestimmter Massengüter auf den Straßen verboten und auf die Schienen verlagert;
  • der Güterfernverkehr und der Werksfernverkehr werden zusätzlich versteuert und damit mehr als bisher zu den Straßenkosten herangezogen;
  • bis 1972 werden insgesamt 12,5 Milliarden Mark bei der Bahn zur Modernisierung investiert, 82 000 Bedienstete eingespart und 6500 Kilometer Bahnstrecke stillgelegt.

Außerdem sollen Binnen- und Seeschiffahrt leistungsfähiger und die Flughäfen Berlin (Tempelhof und Tegel), Frankfurt, Hamburg – Kaltenkirchen, Köln-Bonn und München 2 zu Groflughäfen ausgebaut werden.

Bundeskanzler Kiesinger, die SPD und die meisten unabhängigen Verkehrsexperten haben Leber Unterstützung zugesagt. CDU und FDP wollen das Verkehrskonzept sorgfältig prüfen und gegebenenfalls Alternativen aufzeigen. Güterfernverkehr und verladende Wirtschaft haben Teile des Programms bereits abgelehnt und höhere Frachtkosten vorausgesagt. Bundeswirtschaftsminister Schiller sieht in höheren steuerlichen Belastungen der Wirtschaft Gefahren für den nächsten Konjunkturaufschwung. Die EWG-Kommission hält das Programm für einen nationalen Alleingang, der das Zustandekommen einer gemeinsamen Verkehrspolitik erschwert.

Bislang hat jedoch noch niemand Vorschläge gemacht, die Lebers langfristige Verkehrskonzeption übertreffen würden. Ob der Verkehrsminister sein bis zur letzten Minute sorgfältig geheimgehaltenes Programm ungeschmälert gegen die Interessenvertreter in Parlament und Lobby durchfechten kann, muß sich freilich noch erweisen.